Dienstag, 8. November 2011

Nachtrag

Was man in Dublin so machen kann, wenn man schon mal da ist. Ein Nachtrag für Mademoiselle Groth.


Wenn man mal eben durch Dublin reist und sich überlegt, was man denn auf der Durchreise fix machen könnte, dann gibt es hier ein paar Vorschläge für Menschen mit geringem Budget.

1. Museum


Viele Museen in Dublin sind kostenlos, so zum Beispiel die National Museen. Dazu gehören das Archäologie Museum und das, naja, Naturkundemuseum. Letzteres ist aber nur eine Zurschaustellung ausgestopfter Tiere und ein wenig gruselig als solche. Das Archäologie Museum in der Kildare Street 2 ist aber wirklich interessant und wenn man die Muße hat, sich mit den Texttafeln zu befassen, erfährt man so einiges über die Vorfahren der Iren.

2. Stadtführung


Sowohl um 11.00 Uhr als auch noch einmal um 13.00 Uhr Ortszeit beginnt an der City Hall die kostenlose Walking Tour von "Sandemans New Europe". Die geht zwar drei bis vier Stunden, aber man kann sich ja erstens jederzeit heimlich abseilen und zweitens ist die Tour wirklich empfehlenswert. Die Guides arbeiten auf Spendenbasis und legen sich dementsprechend ordentlich ins Zeug um am Ende ein wenig Geld zu bekommen. Ich wurde prächtig unterhalten und die fünf Euro, die ich dann gespendet habe, sind nichts im Vergleich zu den 16 €, die eine professionelle Tour verlangt.

3. Parks


Schön zentral liegt der Stephens Green Park. Wenn das Wetter schön ist und man sich ein wenig ausruhen möchte, kann man sich dort auf einer Parkbank niederlassen und den Schwänen auf dem See beim rumalbern zuschauen. Manchmal gibt es auch seltsame Veranstaltungen im Park, dann flöten fünf Indianer Pan oder die Araber tanzen was vor. Das ist auch...nett.


4. Essen


Hier muss ich von der Low Budget Schiene runter, denn für wenig Geld gibt es in Dublin leider kein gutes Essen, sondern nur Fritten. Wer aber mal den ungelogen besten Burger der Welt mampfen will, der steckt sich fünfzehn Euro in die Hosentasche und geht zu Jo' Burger in der Lower Rathmines Road. Nicht nur ist die Einrichtung dem Kopf eines Edelpunks entsprungen, auch legt ein DJ Musik auf, während man mit dieser Burgerperle konfrontiert wird. Man darf zwischen drei Sorten Fleisch wählen, dann den Zubereitungsstil bestimmen und findet dann noch so tolle Sachen wie selbstgemachte Limonaden, Curly Fries und Knoblauchmayo in der Karte, die übrigens in einem alten Comicbuch dargereicht wird. Diese Investition lohnt sich.

5. Einkaufen

Einkaufen kann man in Dublin gut, denn ständig beginnt irgendwo ein Schlussverkauf. Es gibt eine Menge Einkaufzentren, wie etwa das Stephens Green gleich neben dem Park. Über die Grafton Street sollte man auch mindestens einmal drüber gelaufen sein, nicht nur wegen Marks & Spencers und dem Disney Laden, auch wegen den Millionen von Kleinkünstlern, die auf der Straße ihre Talente beweisen: Lebende Statuen, Sandbildner, Seifenblasenmacher und natürlich die vielen, vielen Musiker, die auf Wunsch auch "Falling Slowly" nachspielen können.

Wer neben dem Mainstream einkaufen gehen möchte, geht in die Charity Shops. Der einschlägigste, aber auch teuerste, ist natürlich der Oxfam Laden, aber es gibt noch viele, viele mehr und ein geübtes Auge erkennt sie auch schnell. Diese Läden erhalten ihre Ware (Kleidung, Bücher, DVDs, Schallplatten und Schnickschnack) aus Spenden und verkaufen sie zu geringem Preis. Der Erlös kommt dann guten Zwecken zugute. Da hat also jeder was davon und nicht selten findet man in so einem Laden ein echtes Juwel.

Wer mehr Geld ausgeben möchte und dafür schönes Design wünscht, der sollte sich im Avoca in der Suffolk Street umschauen. Hübsche Mitbringsel, süße Bücher, Tassen, Kannen, Regenmäntel - es ist ein buntes Gemisch in schöner Aufmachung, welches hier feilgeboten wird. Dafür leider etwas teurer als die gleichfalls schönen Dinge aus dem Penneys, dafür von höherer Qualität.


6. Sehenswürdigkeiten

Wer unbedingt die typischen Attraktionen anschauen möchte, der schnappt sich einfach eine der kostenloses Stadtpläne, die in jeder Toursiteninfo herumliegen und arbeitet ab, was darauf zu sehen ist: City Hall, Dublin Castle, Post Office, etc.. Wenn man dazu noch etwas erfahren will, lädt man sich einen der Podcasts herunter und läuft mit diesem kostenlosen Audioguide durch die Straßen Dublins. Vorher sollte man allerdings den Weg genau auf der Karte anschauen, sonst muss man immer den Podcast anhalten und schauen, wo es überhaupt lang geht - das kann etwas frustrierend sein. Aber hey, it's for free!


Das ist nun alles, was mir  für Kurzaufenthalte einfällt. Wer bis zum Abend und sogar über Nacht bleibt, der sollte im Abraham House in der Gardiner Street ein Bett im Schlafsaal buchen und nicht unweit davon in der Talbot Street im Celts einen Cider trinken, wo ab neun Uhr auch Musik gemacht wird.

Donnerstag, 29. September 2011

Eine Welt, eine Wolke

"Sarah, please, stop it!"

Wow. Ich habe mich getraut.
Sarah tut so, als hätte sie mich nicht gehört, aber anstatt dem kleinen Jack das Essen jetzt in den Mund zu zwingen, setzt sie sich auf Augenhöhe zu ihm und schafft es durch gutes Zureden und Scherze, ihn von Kartoffeln zu überzeugen. Weil sie dann doch kein Monster sein will. Ich gönne ihr den Erfolg, aber ich bin fertig mit dem Laden. Die spinnen doch alle.

Dublin wird sonnig, Dublin wird warm. Auf die letzten Tage noch und trotzdem huste ich wieder. Meine Mandeln sind etwas überstrapaziert. Egal. Es ist Donnerstag. Es ist Nachmittag. In meinem Rucksack ist ein Brief von Alice, ein Arbeitszeugnis. Ich bin frei.

Meine 54 Seiten dünne Zulassungsarbeit liegt seit gestern und Dank meinem Heimathelden auf dem Schreibtisch einer hoffentlich gnädigen Dozentin. Und morgen geht es heim. Ich. Bin. Frei.

Danke für's Mitlesen.
Danke für's Mitmachen.

Ihr seid die Besten.

Das war nun das.
Eine Welt, eine Wolke.

The END.

Sonntag, 25. September 2011

C'mon you boys in blue

Es ist die Melodie von "Ihr könnt nach hause fahrn", wenn man es denn eine Melodie nennen möchte. Mit ihr werden die "Jungs in blau" gefeiert, das Gaelic Football Team der Dubliner. Betrunken liegen sich die Fans sowohl der Dubs als auch des Teams Kerry in den Armen, die ganze Stadt riecht nach Alkohol und ich sehe zu, dass ich so schnell wie möglich das Hostel erreiche, denn schon beginnen die Spaßkämpfe auf der Grafton Street, lachend wälzen sich drei Leute auf dem Boden. Sogar der Himmel leuchtet verheißungsvoll über der Stadt der Sieger.


Aber bei aller Sympathie möchte ich doch lieber in Sicherheit sein, für den Fall, dass die Menschen aus Kerry doch noch merken, dass sie die Meisterschaft verloren haben.

Die folgende Woche entwickelt sich zur ödesten seit meiner Ankunft in Dublin. Jessica fliegt am Mittwoch in die Heimat und ich sitze gelangweilt im Kindergarten. Natürlich sind die Kinder immer noch eine helle Freude, aber die Unfähigkeit der lieben Betreuer bereitet mir mehr und mehr Kopfschmerzen. Nachdem Sarah es eine Woche lang geschafft hatte, sich wie ein normaler Mensch zu benehmen, hat sie wohl beschlossen, sich diese Mühe nun wieder zu sparen. Als ich ihr einmal mitteile, dass unser deutsches Kind Phil heftige Schimpfwörter gebraucht hat und das doch bitte seiner Mutter mitzuteilen wäre, bekommt sie es nicht einmal hin, mir in die Augen zu schauen, als ich mit ihr rede. Mein Verständnis für derartige Allüren beginnt sich allmählich aufzulösen. Ich frage Aishling, warum eigentlich alle Angst vor Sarah haben, sie weiß es aber selbst nicht. Jeder wartet nur darauf, dass sie in den Schwangerschaftsurlaub geht.

Die Tage tröpfeln also so vor sich hin, draußen wird es langsam unerträglich kalt und nass, in meiner Mittagspause verkrieche ich mich im Shoppingcenter.

Am Freitag treffe ich mich mit Isaidi, die aus Spanien zurück ist und noch bis Ende September in Irland bleiben wird. Wir wollen die Culture Night besuchen, eine Nacht der Kultur, an der sich viele Museen, Kneipen und Veranstaltungsorte beteiligen. Wo man sonst horrenden Eintritt bezahlt, ist an diesem Abend alles kostenlos. Also besuchen wir zunächst die Ausstellung in der City Hall und schauen uns an, wie es früher in den Straßen Dublins aussah. Dann geht es zum Dublinia. Dort kann man sich auf drei Etagen anschauen, wie die Vikinger gehaust und gelebt haben, eine aufwendige und unterhaltsame Ausstellung, für die man sonst zwanzig Euro Eintritt bezahlen muss. In den Gängen überraschen uns immer wieder Schauspieler, die als Vikinger verkleidet Geschichtsunterricht geben.

In einem Medizinschränkchen eröffnen einem Schubladen die Heilmethoden des Mittelalters.


Und überhaupt darf alles angefasst, geöffnet und sogar angezogen werden. Wir schreiben unsere Namen in Furthark Runen, unterhalten uns mit den Darstellern und verkleiden uns. Kurzum, wir haben viel Spaß in der Vikingerhochburg.



Aus dem Dublinia stolpern wir munter weiter durch die Straßen, sehen uns eine Fotoausstellung nur an, weil man dort auch Gratis Getränke serviert, entdecken den Hinterhof unserer Träume, wandeln durch Dublin Castle, wo wir der Königin selbst begegnen, bekommen einen Auszug aus Oscar Wildes "The Importance of Being Earnest" dargeboten und landen zum Abschluss bei einer Reihe von Musikgruppen, die Irish Folk und Jazz zum Besten geben. 


Das alles ist wirklich schön, aber meine Begeisterung hält sich dennoch in Grenzen. Ich bin leider nicht in der besten Verfassung und warte nur noch sehnsüchtig darauf, heim fliegen zu können. Dublin ist wirklich eine tolle Stadt, aber nach zwei Monaten Hostel, Kindergarten und Zulassungsarbeit kommt mir meine Energie langsam abhanden. Deshalb zähle ich die Tage, bis ich wieder in der Heimat bin und korrigiere zwischenzeitlich kleine und grobe Schnitzer in der Zulassungsarbeit, die ich nun sehr bald abliefern muss. 

Noch eine Woche, dann heißt es Mama, I'm coming home!

Dienstag, 20. September 2011

Westlich vom Mond, östlich der Sonne

Die letzte Milk & Cookies Geschichte - und nur dabei, weil es meine Lieblingsgeschichte ist.

Westlich vom Mond, östlich der Sonne 

Eine junge Dame ist nun am Mikrofon, sie gehört zum Organisationsteam der Milk&Cookies Events und sie hat uns ein Märchen mitgebracht: 

„Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten viele Kinder, darunter schöne Töchter und tüchtige Söhne, doch sie waren sehr arm. Jeden Tag fragten sie sich, wie sie den Tag überstehen sollten, denn sie hatten wenig Geld und kaum etwas zu essen. Eines schönen Tages klopfte es an der Tür, und als der Vater ging, um sie zu öffnen, da fand er einen Eisbär davor stehen. Und er dachte sich: „Was zur Hölle will jetzt der Eisbär von mir?“ Da begann der Eisbär zu sprechen und er sagte: „Ich bin verliebt in deine älteste Tochter und wenn du sie mir gibst, dann werde ich dich reich beschenken und du sollst nie wieder Geldsorgen haben.“ Das beeindruckte den Vater und so rief er nach seiner ältesten Tochter und fragte sie, ob sie den Eisbären zum Manne haben wolle. Sie antwortete ihm: „Nee, also bei aller Liebe nicht. Papa, ich hab dich ja echt gern und so, aber das ist n‘ Eisbär, ich bitte dich.“ Der Vater sprach daher zum Eisbären: „Komm in ein paar Tagen wieder, ich regel das schon.“

Der Eisbär ging und der Vater sprach mit seiner Tochter: „Kind, ich weiß ja, das ist jetzt nicht so der Bringer, aber denk doch mal an deine Familie und so schlimm ist es ja jetzt auch nicht und der ist ja auch reich, da hast du schöne Klamotten im Schrank und immer gutes Essen, denk doch mal nach...“ Schließlich lies sich die Tochter überreden und als der Eisbär wiederkehrte, da ging sie mit ihm von dannen. Auf seinem Rücken ritt sie viele Tage lang, bis sie zu einem Schloss kamen. Und es war, wie ihr der Vater gesagt hatte, sie hatte die schönsten Kleider und Schmuck und konnte essen, was immer sie wünschte. Der Eisbär hatte ihr eine Glocke gegeben und sobald sie damit läutete, erhielt sie alles, was sie sich wünschte. Der Eisbär selbst ließ sie tun, was auch immer sie wollte. Nur des Nachts, als sie schlief, da war es ihr im Traume, als ob ein Mann neben ihr liege. So verging nun die Zeit und bald wurde es ihr langweilig, da fragte sie der Eisbär eines Tages, ob es ihr wohl erginge und sie zufrieden war. Sie sagte: „Ja schon, ist alles toll, nur eine Sache: Ich hab meine Familie jetzt schon ewig und drei Tage nicht gesehen, können wir sie nicht einmal besuchen?“ Der Eisbär antwortete ihr: „Das können wir wohl tun, aber du musst mir eines Versprechen: Hör auf nichts, was dir deine Mutter rät. Das ist übrigens ein guter Tipp für alle von euch!“

Die Wissenden kichern.

Das Mädchen versprach es also und zusammen reisten sie zu ihrer Familie, der es mittlerweile gut erging und die sich sehr freute, die älteste Tochter wieder zu sehen. Sie feierten und aßen und tranken, doch als alle sich schlafen legten, da nahm die Mutter ihre Tochter beiseite und fragte: „Jetzt mal Butter bei de Fische – die Sache mit dem Eisbär, was ist da los?“ Und die Tochter antwortete: „Es ist alles bestens und der Eisbär behelligt mich nicht, nur manchmal in der Nacht, da ist mir so, als ob ein Mann neben mir läge.“ Daraufhin gibt ihr die Mutter eine Kerze in die Hand. „Nimm diese Kerze mit, mein Kind, und in der Nacht, entzünde sie und wirf einen Blick auf den, der da neben dir liegt.“ Die Tochter, welche die Warnungen des Bären vergessen hatte, nahm also jene Kerze an sich und verließ am nächsten Tage mit dem Eisbären ihre Familie, um zum Schloß zurückzukehren. Und als es Nacht wurde und sie spürte, das jemand neben ihr lag, da entzündete sie die Kerze und schaute, wer es wohl sei. Da sah sie neben sich den schönsten Prinzen liegen, den sie jemals gesehen hatte und augenblicklich war sie in ihn verliebt – wie das halt immer so ist. 

Sie konnte sich nicht von ihm abwenden, sondern beugte sich über ihn um ihn zu küssen, als ein Tropfen des heißen Kerzenwachses herunter tropfte und den Prinzen weckte. Dieser war sehr erschrocken: „Verdammt, was hast du angerichtet? Hättest du bis zum Ende des Jahres gewartet, dann wäre der Bann gebrochen gewesen und wir hätten für immer zusammen leben können!“ Es stellte sich heraus, dass seine Mutter, eine furchtbare Frau, ihn verhext hatte. „Jetzt war alles umsonst und ich muss diese hässliche Oger Prinzessin heiraten!“ Das Mädchen war sehr erschrocken. „Wo wird man dich hinbringen?“, fragte sie. „In das Schloss westlich vom Mond und östlich der Sonne.“ „Aber ich liebe dich!“, rief das Mädchen, „Ich werde dir folgen!“ „Ja, das ist ja ganz nett gemeint“, antwortete ihr der Prinz, „aber westlich vom Mond, östlich der Sonne, da weiß doch keine Sau, wo das ist, wie willst du das finden?“

Als am nächsten Tag die Sonne aufging, da war der Prinz nicht mehr da. Aber das Mädchen wollte nicht aufgeben. Sie lief querfeldein durchs Land und fragte jeden, den sie traf, nach dem Schloss westlich des Mondes und östlich der Sonne. Eines Tages traf sie einen Raben der in einem Baum saß und als sie ihn nach dem Wege fragte, da sagte er: „Das weiß ich leider nicht, aber geh doch diesen Weg entlang, da triffst du einen anderen Raben, vielleicht kann er dir helfen. Nimm dieses goldene Armband mit, du kannst es wohl gebrauchen.“ Sie ging also und traf den zweiten Raben. Der riet ihr dasselbe: „Weiß nicht, aber geh da lang, da gibt’s noch einen Raben und nimm doch den goldenen Kamm, kannste bestimmt brauchen.“ Und sie ging und traf den dritten Raben: „Ja, nee, aber hier is’n goldener Apfel und überhaupt, frag doch den Ostwind, der war doch schon überall!“ 

Sie ging also und fand den Ostwind: „Hey, Kleine, wie gehts, alles klar? Westlich vom Mond, östlich der Sonne, hab ich noch nie gehört, aber ich bring dich zu meinem Bruder Westwind, der hat schon mehr gesehen als ich.“ Und der Ostwind trug sie zum Westwind hinüber, welcher ein wenig bereister und auch wilder war: „Waaaaaas geht? Westlich vom Mond, Östlich der Sonne? Keinen Plan, Kleine, aber komm, wir gehen zum Südwind.“ Sie reisten also weiter zum Südwind: „Hey, jo, howz it hanging, wo solls hingehen? Westlich vom Mond, östlich der Sonne, hab ich noch nie gehört, aber wenn das einer weiß, dann ist es der Nordwind!“ Und alle drei Brüder sahen sich an und nickten: „Der Nordwind, der alte Weltenbummler, der war schon überall, der weiß es sicher!“ Und tatsächlich, als sie den Nordwind erreichten, da sagte er: „Westlich vom Mond und östlich der Sonne? EINMAL war ich dort, da habe ich ein Blatt hinüber geweht und musste mich dann drei Tage lang ausruhen. Wenn’s unbedingt sein muß, bring ich dich da hin.“ Und weil es unbedingt sein mußte, reiste das Mädchen viele Tage auf dem Rücken des Nordwindes, bis sie schließlich ein großes Schloss erreichten. „Bitteschön“, keuchte der Nordwind erschöpft, „da ist es und jetzt lass mich bloß in Ruhe.“

Da war das Mädchen also, doch das Schloss war bewohnt von der furchtbaren Oger Prinzessin, die ein hässliches Ungetüm war. Sie hatte grüne,schleimige Beulen am ganzen Körper und eine Nase, die drei Armlängen maß und die sie um ihren rechten Arm gewickelt trug. Sie hielt den Prinzen, der sie heiraten sollte, in ihrem Schloss gefangen. Was also tun? Das Mädchen setzte sich in den Garten und begann, mit ihrem goldenen Armreif zu spielen. Da wurde die Prinzessin neidisch: „Gib mir diesen Armreif.“, verlangte sie. „Das werde ich nicht tun, doch ich biete dir einen Tausch an. Wenn du den Armreif bekommst, darf ich eine Nacht lang zu dem Prinzen, den du gefangen hältst.“ Die Prinzessin willigte ein, doch sie gab dem Prinzen einen Schlaftrunk, so dass alles Flehen und Rütteln des Mädchens nichts nutzte, er wachte nicht auf. Am nächsten Tag dasselbe Spiel, diesmal mit dem goldenen Kamm. Der Prinz bekommt einen Schlaftrunk, die Nacht ist verschenkt. Am nächsten Tag spielt das Mädchen mit dem Apfel und tauscht ihn wieder ein, doch diesmal ist der Prinz schlau und überlegt sich: Wie kann das sein, dass ich die letzten Nächte so unglaublich tief geschlafen habe? Das muss an dem Wein liegen, den die Schlampe mir immer gibt! Deshalb spuckt er den Trunk heimlich aus und ist wach, als das Mädchen zu ihm kommt. Große Freude! 

„Aber was machen wir jetzt?“, fragt das Mädchen. „Ich weiß eine List“, sagt der Prinz. Er besitzt ein Hemd, welches nur, wenn es von einem Mädchen mit reinem Herzen gewaschen wird, auch sauber wird. Der Wahnsinn!
 Am nächsten Morgen geht er also damit zur Prinzessin und sagt: „Hier, pass mal auf, die willst ja unbedingt heiraten. Hier ist der Deal: Ich heirate keine Frau, die meine Wäsche nicht sauber bekommt. Wenn du also dieses Hemd rein waschen kannst, is hier Hochzeit.“ Die Prinzessin denkt sich, ha, is ja’n Witz, das bekomm ich hin und beginnt, das Hemd in einem Zuber zu waschen. Doch wo sie es auch berührt, da wird das Hemd schwarz und schwärzer, bis es schließlich ganz und gar dunkelschwarz ist. Die Prinzessin schrubbt und schrubbt, aber es hilft alles nichts. Da lacht der Prinz und sagt: „Das gibt es ja nicht, du bist so unfähig! Ich wette, diese einfache Magd da drüben bekommt das ohne Probleme hin!“ Dabei deutet er auf das Mädchen im Garten. Man lässt sie also rufen und sie taucht das Hemd nur einmal ins Wasser, da wird es blitzeblank und strahlend weiß. „Schau, so muss das aussehen, die kann ich heiraten!“, sagt der Prinz und die abscheuliche Oger Prinzessin ist darüber so wütend, dass sie verpufft.

In Märchen geht so was.“

Wir spenden lachend Applaus, dankbar auch dafür, mal wieder an die wahren Aufgaben der Frau erinnert zu werden... 


Sonntag, 18. September 2011

How to get to Miami on low budget

Zu dieser Geschichte fehlen mir leider einige Details, da der Sprecher einen Mörderdialekt hatte. Grob lässt sich das Ganze nacherzählen, mehr geht nicht. Wäre heute sowieso alles nicht mehr möglich...


How to get to Miami on low budget


Er ist schon etwas betagt, der Mann, der als Erster die Bühne betritt. Ein wenig untersetzt, klein, mit einer spiegelnden Halbglatze gesegnet, in seiner Bärtigkeit grau meliert. Ich verstehe nicht alles, was er sagt, aber was ich verstehe, ist beeindruckend:

"Well, you know, it was back in my days, when music was still about to change the world and it was all about love and peace that I have heard about the heart master. You probably know people that are head masters, people that control it all with their head and not the heart. That man I've heard about, he was a heart master. He was living in the United States and I was living here, up in the country of North Ireland and I heard about his ways and it amazed me. You know, back then I was miserable, I didn't have any money or a job and I was madly in love with a woman I couldn't have. She was married, it was a terrible marriage and she had about five kids. When she finally got divorced, she said, she wasn't ready for a new relationship and there I was, heartbroken and messed up and I heard about this heart master's philosophy. And one of my friends told me, that this heartmaster would be in Miami the next week, giving lessons and presentations and everything. And I said, yeah, so, I have no money. My friend said, yeah, so, so you got no money! Well, and then I thought, I mean, I was very young and naive, yeah? I thought, maybe someone can give me a lift."

Das Publikum kichert.

"So I went to the airport in Dublin, but there weren't any planes going to Miami that day, so I started thinking and I realized that there were at the moment cheap flights to Shannon, about 15 bugs or something, so I went to Shannon and they had flights going to the States. Now I did try a lot to get on the plane, folks, please don't ever try this, today you'd end up in a very bad place. I tried to just walk through the gates, but they held me back. Then I told them that I'd like to talk to the pilot, and they did let me talk to the pilot. I did ask him if he could give me a lift, but he said, no man, that's more than my job is worth, I'm sorry. What was I to do, I wanted to go to Miami. People started talking about me already. So there was one guy, he said, I'll see what I can do for you, and he walked around with me and opened some doors and suddenly, I was in the Duty Free area.

Augen und Münder stehen uns speerangelweit offen. [Anm. Wie genau der Mann in die Duty Free area gekommen ist, habe ich nicht verstanden]

"Still, how could I get on the plane? I still needed a boarding ticket. So I asked everyone, I asked the Stewardess if she could arrange for me to get on the jump seat and she went and had a look on one plane and came back and said, I'm sorry sir, but in this plane, there are only old people, you'd stick out, they'd question me about this, I can not do this. And I went on trying to get on a plane, but it got late, and I needed a place to sleep, so that one guy told me, he knew a place for me to sleep and took me out of the Duty Free area."

Bedauerndes Seufzen.

"So on the next day I was waiting for that guy, I was waiting by the elevators, then he came and he wouldn't look at me, he just passed by and I followed him, then he turned slightly and whispered, man, I can not even look at you, down there there's the rumor that I'll get you to Miami, people are looking at me with a strange look. But I managed to get back into the Duty Free area [Anm. Keine Ahnung wie, wirklich nicht] and I still needed a boarding ticket, so I thought, why not just use my boarding ticket for Shannon? You know, so I took my pen and changed the flight number and went to board and told them, yeah, they made a mistake when printing the ticket and had to correct it, and I filled in the imigration form for the states - and they let me pass! They let me pass, isn't that amazing?"

Wir schauen ihn mittlerweile an wie das achte Weltwunder.

"So I got on the plane and I went to the toilet and locked myself in, I thought I could hide there til the plane started, but they came for me. They had been counting passengers at the entrance and they were now counting again and figured, there was something wrong with the numbers, so they went and looked for me and I got out and they asked me where my seat was. Now luckily, the other passengers had found their seats already and I could spot a free seat and said, that's mine. So the Stewardess said, then please sit down sir, and that was it!"

Das achte Weltwunder, das erste Auto, Superman persönlich, wir schauen uns gegenseitig an um uns zu vergewissern, dass wir alle die selbe unglaubliche Geschichte anhören.

"Now the plane started, I really couldn't believe it. Nowadays you'd get arrested for even trying what I did then. So that plane was going to New York but had to stop in Philadelphia also, so I asked the others if it's better to go to New York or to Philadeplphia to go on to Miami and they said, better go from Philadelphia, because New York Airport was to big, to many terminals, it would take longer to get to the gate and everything. And then I remembered something and I took out my adress book, because I realized that my elder sister, who was living in the states, had moved to Philadelphia. So I got out in Philadelphia, but then security suddenly took me out. And I was worried because of my boarding pass and thought, damn, they've got me! But it turned out I had filled out the imigration form wrong, so they corrected it and let me go. Then I went to my sister and borrowed some money to get to Miami and then I was there. And when that heart master heard what I've done to get there, he was simply amazed. I stayed in the States for three more months before I got back and...you see, that story is for those who give up too easily and think they can't do anything. When you really want something, you can do a lot about it. Yeah. Just don't try that plane thing anymore, seriously, that's impossible to do now. Thank you."

Sprach.Los.

Freitag, 16. September 2011

Tante Joan soll sterben

Und hier kommt die zweite Wunschgeschichte. 

Tante Joan soll sterben


Sie wird sehr herzlich angekündigt, denn sie war wohl schon oft zugegen, eine Profi Geschichtenerzählerin sozusagen. Unter großem Applaus betritt eine Dame mit kastanienbraunem, kurzen Haar die Bühne und hat eines dieser Gesichter, dazu eine dieser Stimmen, die Menschen sofort sympathisch machen. Aus ihrer Kindheit erzählt sie uns etwas: Die Geschichte von Tante Joan:

„Es war an meinem Geburtstag. Meine Mutter machte gerade meine Geburtstagstorte fertig, für die Feier am Nachmittag und als ich in die Küche kam, um zu schauen, wie sie vorankam, da sah ich, dass sie einen rosa Zuckerguss auf die Torte machte. Rosa! Ich war so glücklich! Meine Mutter glaubte nicht wirklich an rosa für Mädchen, aber das sie mir gestattete, rosa Zuckerguss auf meine Geburtstagstorte zu bekommen, das war für mich das Höchste. In diesem Moment läutete es an der Tür und Mutter schickte mich, um zu öffnen. Ich öffnete also die Tür, und da stand meine Tante Joan. Ich hatte sie erst einmal gesehen, für vielleicht fünf Minuten. Die Sache ist die, ich hatte eine Menge Onkel und Tanten, zwölf väterlicherseits und sicher genauso viele mütterlicherseits. Diese Tante Joan war die Frau des ältesten Bruders meiner Mutter. Da stand sie also. Sie war schon sehr, sehr alt und ihr Mann war bereits gestorben, sie hatte außerdem Arthritis und konnte ihre Finger kaum bewegen. Da stand sie und sagte: „Ich muss mit deiner Mutter sprechen.“ „Mutter ist in der Küche!“, antwortete ich und so begab sich Tante Joan in die Küche. Dort begann sie mit meiner Mutter zu flüstern und zu flüstern, ich versuchte angestrengt, vor der Tür zu lauschen, aber sie waren zu leise. Ich ging also in den Garten um zu spielen und nach einer Weile kam ich zurück, um zu sehen, ob sich etwas getan hatte. Meine Mutter war gerade dabei, etwas auf den Kuchen zu schreiben und Tante Joan stand hinter ihr und sagte ihr ins Ohr: „Haaaaaa…..peeeeee….peeeeee…..ypsiloooooon…. Beeeeeee….“, da wurde meine Mutter wütend: „Verdammt nochmal, Joan, ich weiß, wie man Happy Birthday schreibt!“ Ich verschwand also lieber wieder.

Am Nachmittag war also meine Feier und alles war schön, die rosa Geburtstagstorte schmeckte wunderbar und alles war vorbei, als mein Vater von der Arbeit heimkam. Zu dritt begannen die Erwachsenen nun wieder das Flüstern und irgendwann kam meine Mutter nun zu mir und sagte mit einem breiten Lächeln: „Tante Joan wird jetzt bei uns wohnen!“ Ich erkannte an der Art ihres Lächelns, dass das keineswegs ein Grund zur Freude war. Die Sache war also die, Joan hatte nach dem Tod ihres Mannes eine Weile bei ihrem Bruder gewohnt, doch der hatte sie nun herausgeworfen. Eine traurige Geschichte, dachte ich, bis ich merkte, warum er sie hinausgeworfen hatte. Lasst es mich so sagen: Tante Joan war keine besonders angenehme Person. Sie kam , und sie wurde nie müde, das zu betonen, aus einer guten Familie aus Cork und da konnten wir einfach nicht mithalten. 

Wir waren einfach nicht gut genug, egal, was wir taten, es war verkehrt. Irgendwann stellte sie fest, dass meine Eltern keine Ahnung von guter Erziehung hätten und nahm mich beiseite, um mir Manieren beizubringen. Wie ihr euch vorstellen könnt, war ich sehr glücklich darüber. Drei Probleme hatte ich, so sagte sie mir. Mein erstes Problem, und es gab nichts, dass ich hätte dagegen tun können, war, dass ich zu kräftig. Nicht zu dick, nein, dagegen hätte man etwas unternehmen können. Ich hätte hungern können. Aber nein, mein Problem waren meine Knochen, die waren zu dick. Frauen, so erklärte mir Tante Joan, müsste Vogelknöchelchen haben. So wie sie und all ihre Schwestern und Tanten, sie alle waren zarte Vogelweibchen. 

Mein zweites Problem war mein Haar, denn es war glatt und, so meinte Joan, glattes Haar ist ein Zeichen von Gewöhnlichkeit. Lockiges Haar war nicht viel besser, aber sie und alle ihre Schwestern und Tanten hatten leicht gewelltes Haar und das zeige Noblesse. Zu dieser Zeit gab es eine Läuseepidemie in der Schule, es war wirklich schlimm. Wenn man Läuse hatte, wurden einem alle Haare abgeschnitten und eine rote, stinkende Tinktur wurde einem auf den kahlen Kopf gegeben. Allerdings ging das Gerücht, dass einem danach die Haare in Locken wuchsen. Ich war also sehr bemüht, da ja mein glattes Haar so furchtbar gewöhnlich war, mir Läuse einzufangen. Als die Nachbarskinder Läuse bekamen, stand ich stundenlang unter ihrem Fenster und rief: „Schüttelt euer Haar, schüttelt es!“ Und sie schüttelten es, doch es war vergeblich und meine Haare sind bis heute noch glatt, wie ihr sehen könnt. 

Mein drittes Problem war, dass ich einen  zu großen Mund hatte. Frauen aus gutem Hause hatten schmale, kleine Münder. Mit großen Stolz erzählte sie, dass der Zahnarzt ihr die Wange aufschlitzen musste, um ihre Backenzähne zu behandeln, weil er durch den kleinen Mund nicht mit seinen Instrumenten hindurch kam. Das sie keine Narbe hatte, hielt sie nicht davon ab, mir diese Geschichte aufzutischen. Das waren also meine drei Probleme, erzählte mir Tante Joan, und es wird euch jetzt sicherlich ganz furchtbar überraschen, dass ich diese Frau hasste. Ich hasste sie mit einer solchen Inbrunst, mit einer solchen Leidenschaft! Jeden Abend betete ich dafür, dass sie stirbt. Aber sie starb nicht, sondern sie kam in ein Krankenhaus. 

Ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich sehr verschlechtert, also musste sie stationär behandelt werden. An dem Tag an dem sie eingeliefert wurde, war die ganze Familie glückselig. Es war eine solche Erleichterung zu spüren! Natürlich musste ich sie immer noch einmal die Woche besuchen und musste mir anhören, wie schlimm alles war. Die Krankenschwestern waren böse Bestien und die Medikamente waren die Falschen, die Ärzte waren inkompetent und ich war ein ganz, ganz furchtbares Mädchen und das Brownbread, der Kuchen, alles, was ich mitbrachte, war nicht gut. Sie bestand darauf, dass ich die komplette Besuchszeit bei ihr absaß, um mir zu erzählen, wie schlecht ich war.  Eines Tages kaufte sie Lotterielose. Das war an sich nichts besonders, denn sie kaufte immer Lose. Sie wollte gerne nach Lourdes reisen, dass war ihr Traum. Aber diesmal hatte sie nicht nur ein paar Lose gekauft, sie hatte zehn Stapel Lose gekauft. Und sie erzählte mir: „Weißt du, als ich gestern den Rosenkranz betete, da kam mir der Gedanke, und ich glaube, es war die die heilige Mutter Maria, die zu mir sprach. Ich sage dir, ich werde gewinnen, ich werde nach Lourdes gehen, ich werde geheilt werden und dann werde ich zurück kommen und bei euch leben.“ Mir wurde furchtbar übel bei diesem Gedanken. Den ganzen Heimweg betete ich – nicht zur Mutter Maria, denn die hatte offensichtlich schon an der Seite meiner Tante Stellung bezogen, nein, ich musste mit der Obrigkeit sprechen. Ich ging auf dem Heimweg in die Kirche und betete und betete: „Lass sie nicht gewinnen! Lass sie nicht gewinnen!“ 

Aber sie gewann. Sie gewann und sie reiste nach Lourdes. Und doch kam es alles etwas anders, als sie gedacht hatte. Sie wurde nicht geheilt und nach ihrer Reise kam sie ins Krankenhaus zurück. Stattdessen war aber etwas anderes geschehen: Tante Joan war wie ausgewechselt. Die Krankenschwestern waren jetzt Engel und die Ärzte so gut und geduldig und ich, ich war jetzt so ein schlaues Mädchen! „Das!“, flüsterten meine Eltern ehrfurchtsvoll, „Das ist das wahre Wunder!“

Tante Joan wurde also nicht gesund und bald starb sie unter großen Schmerzen, was auch in Ordnung war. Als ich aber nun vor einiger Zeit überlegte, ob ich die Geschichte aufzuschreiben, da versuchte ich einmal, mich in sie hineinzufühlen. Ihr wisst sicher, dass man als Autor gerne versucht, in die Haut eines Charakters zu schlüpfen und das versuchte ich nun. Ich hielt es nicht aus. Stellt euch das einmal vor, hochbetagt, verwitwet, ohne jegliches Vermögen bei der Schwägerin, die einen nicht einmal ausstehen kann, leben zu müssen, weil man von der eigenen Familie verstoßen wurde. Und dann immerzu diese Schmerzen, keinen Finger bewegen zu können! Ich hab die Geschichte nicht aufgeschrieben. Aber darüber nachzudenken, hat mir etwas gebracht. Ich hasse Tante Joan nicht mehr."

Ein Moralseufzen geht durch das Publikum, bevor es tosenden Applaus für die Dame mit den drei Problemen gibt. 
  

Donnerstag, 15. September 2011

Geister, Hornissen und Löcher in den Wänden

In der Reihenfolge, in der sie gewünscht wurden, kommt nun jeden Tag eine der Geschichten zu euch ( Wer noch nicht gevotet hat, darf das noch nachholen...) Wir starten mit: 


Geister, Hornissen und Löcher in den Wänden


Ein junges Fräulein betritt die Bühne der Milk & Cookie Szenerie. Ihre Haare sind braun und gerade so lang, dass sie ihren Hals berühren, ein wenig nach Bob sieht das schon fast aus. Sie ist nervös, nein, das ist es nicht. Aufgedreht, ein wenig fahrig. Beim Sprechen überschlägt sich ihre Stimme leicht. Sie erzählt:

"Also, meine Geschichte...das ist nicht wirklich eine Geschichte, aber das Thema heute ist ja Reisen, da passt das ganz gut... ich hab drei Wochen nicht geschlafen, oder so gut wie gar nicht, ich bin also ziemlich fertig mit den Nerven. Warum habe ich nicht geschlafen? Ich war in Frankreich, ähm... weiß jemand von euch, was Wwoofing ist? Das ist so eine Freiwilligengeschichte. Na, jedenfalls, die Unterkünfte in die man da kommt, also, die sind teilweise ganz schön beschissen. Ist leider wahr. Eines der Zimmer...", sie hält ihre Hand auf Hüfthöhe, "...das war gerade mal so hoch. Und von der Decke hing so ein Netz über den Betten, und an einer Seite des Zimmers war ein Hornissen-Nest. Ohne Scheiß. Nachts dachten wir einmal, hey, das klingt nach Regen, waren dann aber doch die Hornissen, die gegen die Wand flogen und auf dem Netz herumkrabbelten. Außerdem waren die Betten...", sie hält ihre Handflächen zueinander gerichtet auf einen Zentimeter Abstand, "...ungefähr so weit voneinander entfernt, ich hab also quasi mit einer mir fremden Person in einem Bett geschlafen, das war auch mal spannend. Und dann war da ein großes Loch in der Wand, mit einer Decke drüber, und ich frag mich so, was ist hinter dem Loch, was ist da? Und dann erzählt mir jemand, ja, da nebenan wohnt der Besitzer. Ach? Na, jedenfalls konnte wir dann hören, was da so los war, wie er mit seiner Frau intim wurde und so, ich glaub, das war nicht so besonders toll..."

Das Publikum lacht schallend, auch die Erzählerin muss lachen, sie fährt sich durch die Haare.

"Ja, also, da habe ich schon mal eher wenig geschlafen, dann kamen wir das nächste Mal in so eine alte Burg, in der man Zimmer vermietete und ich bin so blöd und frag erst mal, hey, gibt's hier Geister? Ich hoffe mal, die Antwort ist nein, du Idiot! Aber die so: Oh, ja, viele Geister! Klasse. Ich muss sagen, ich hab Angst vor so was, ich weiß, das ist dumm. Ich hab dann in so einem Turmzimmer geschlafen, und so die ersten zwei Stunden schlaf ich auch, dann bin ich aber aufgewacht und hab mir gedacht, hoffentlich kommen jetzt keine Geister! Und dann geht das los, ich hör so Schritte und dann auch so ein Kratzen an der Wand, ich hab kein Auge zugetan. Es stellte sich dann heraus, dass die Schritte...also, ich hab ja schon gesagt, die Unterkünfte sind ziemlich beschissen...also, das waren Ratten, die sind da lang gekrabbelt, und ich, ich muss zugeben, ich bin etwas schlampig, ich hatte meine Klamotten und alles einfach so auf den Boden geworfen, da sind die Ratten durch gekrabbelt, das war nett...Und das Kratzen an der Wand, also... das waren die Wände selbst, die da irgendwie aus dem Leim gegangen sind, war ja eine Burg, da kamen immer mal so kleine Bröckel herunter. In einer anderen Nacht, ich muss zugeben, ich war ziemlich betrunken...wir waren mit den Franzosen was trinken. Sind hier Franzosen? Ihr da vorne habt doch französisch gesprochen?"

Ein paar Franzosen geben sich zu erkennen.

"Also, wir hier in Irland sind irgendwie immer der Meinung, Franzosen betrinken sich nicht. Ich hab immer gedacht, ihr trinkt mal was zum Essen oder so, so ein gesellschaftliches Trinken. Is aber Blödsinn, hab ich gemerkt. Zumindest die Franzosen, mit denen ich da unterwegs war, also, die haben sich schon ordentlich betrunken. Jedenfalls hatte die Besitzerin der Burg so gemeint, ja, jede Nacht um drei Uhr hört man ein Schlagen gegen das Tor. Dreimal schlägt das dann, danach hört man auch Stimmen, das sind die Geister. Mmh. Ich wach also nachts auf und hab keine Ahnung, wie spät das ist, ich will auch nicht auf die Uhr schauen, weil, also, um euch mal zu zeigen, wie ängstlich ich bin, also, ich hatte Angst, dass ich im Licht meines Handys einen Geist sehe. So bekloppt bin ich. Ich schau also nicht auf die Uhr, da schlägt das plötzlich gegen das Tor draußen, viele Male, und ich höre Stimmen und denke, nein! Geister! Mit mir im Raum hat eine geschlafen, die war aus Neuseeland, ich hab überlegt, ob ich die wecke. Ich selbst wär ja komplett nutzlos, also, wenn mich einer weckt und sagt, Geister! Ich wär keinen Penny wert, is klar. Aber das Mädchen, da hätte es Sinn gemacht, die war nämlich Exorzistin. In ihrer Freizeit, so."

Der Saal feiert.

"Die war auch schon mal da, in der Burg, weil, jetzt kommts, in dem Turm neben unserem spukt nämlich der Geist einer Frau. Die sollte mal den Burgherren heiraten, dann ging der aber in den Krieg und man hat sie in der Burg eingesperrt, was weiß ich warum, damit sie nicht in die Stadt geht und sich mit der Pest ansteckt oder irgendwie so was. Der Mann ist im Krieg gestorben und die Frau hat man eingesperrt gelassen. Die hat sich dann, ... na, also, die hat sich dann quasi umgebracht da drin und spukt jetzt da. Und meine Zimmernachbarin war schon mal hier, um die zu exorzieren, aber sie war offensichtlich nicht so erfolgreich, weil der Geist immer noch da ist. Hat dann auch die Besitzerin erzählt, dass schon viele Besucher die mal gesehen haben. Wahnsinn. Na, wie dem auch sein, es schlägt da ans Tor und ich bin total verstört, un die Stimmen sind so laut und ich denk mir: Man! Diese Geister machen aber echt einen drauf! Ich schlaf also wieder nicht und am nächsten Morgen erzählen mir dann die Leute, ja, das waren nur Gäste, die waren ausgesperrt und wollten rein. Fanden alle lustig, außer mir, ich denk natürlich an Geister und hab Schiss. Du bist so'n Idiot! Sagen die anderen zu mir. Ja, also, warum erzähl ich das? Ich wollte nur los werden: Das Wwoofing hat mir total Spaß gemacht. Und diese ganzen Geschichten, das mit der beschissenen Unterkunft und den Geistern und Hornissen und Löchern in den Wänden und das ich nicht schlafen konnte - das ist alles scheißegal, wenn man eine gute Zeit hat, und die hatte ich. Dankeschön."

Es hagelt Applaus.