"Wann willst du denn heiraten, Teresa?"
Ich bin total erschrocken. Sarah hat mir eine persönliche Frage gestellt. DAS gab es bisher noch nicht. "Im Juli nächstes Jahr, vielleicht aber doch lieber im Mai, neuerdings ist das Wetter im Juli so schlecht." Sarah nickt und erzählt uns von ihrer Hochzeit: "Das Wetter muss ja eigentlich nur für ein paar Fotos gut genug sein. Ich hatte einen guten Fotografen, der hat nur wenige Gruppenfotos gemacht und dann spontan fotografiert, so mag ich das lieber. Die gestellten Fotos sind nicht so mein Fall." Das sehe ich auch so, berichte aber gleichzeitig von den fotographierwütigen Frauen in meiner Familie, die mich bestimmt nicht so leicht davon kommen lassen: "Da heißt es dann, jetzt noch mal eins nur mit Brautpaar und Geschwistern! Jetzt nur die Frauen! Nur die Männer! Jetzt mit den Kleinkindern! Jetzt mit den Großeltern...", Jessica verdreht die Augen: "Mensch, das ist ja fast schon ein Grund, nicht zu heiraten!" Sarah lacht. Als wir später mit den Kindern Papierflieger basteln, ist sie rege dabei und unseren Wochenplan hat sie auch schon abgesegnet. Wir sind erstaunt und auch ein wenig happy. Das Arbeiten im Kindergarten ist mit einem Mal sehr entspannt geworden. Die Kids lassen ihre mit Blut, Schweiß und Tränen (jeweils Genitive draus machen und Jessica zuordnen) gebastelten Flieger auf eine Zielscheibe fliegen, die kaum 20cm vor ihnen von mir gehalten wird. Applaus für jeden Treffer, Mitleid für jeden Fehlflieger.
Den Nachmittag verbringe ich in der Bibliothek, die erste Hausarbeit ist fertig, für die Zulassung muss ich mich jetzt ordentlich ins Zeug legen - ohne die kann ich schließlich im Frühjahr nicht in die Prüfung gehen...
Eine weibliche Stimme verkündet via Lautsprecher, dass die Bibliothek schließt und ich mache mich auf den Heimweg. Dort treffe ich Libby, die mich zu Pancakes einlädt. Die sitzen vorgefertigt in einer Flasche und müssen noch ihren Weg in die Pfanne finden. Roswitha laden wir zu diesem einmaligen Kocherlebnis gleich mit ein. Die musste ohnehin aus weiblichen Gründen schon das Fasten brechen.
In der Küche der Camden Hall eine gute Pfanne zu finden...sagen wir, die Wahrscheinlichkeit strebt gegen null. Alle Antihaftungen, die dort jemals vorhanden waren, hat es schon lange vor unserer Zeit zersägt und so ist es kein Wunder, dass die Pancakes der Reihe nach ankleben und anbrennen. In der Küche wird es rauchig. Letztendlich sitzen wir vor einer braunschwarzen Masse, die sich mit etwas Zucker noch gerade so essen lässt, aber aufessen sieht anders aus. "Genauso sehen echte amerikanische Pancakes aus.", erzählen wir Roswitha. "Wenn sie dir in einem Diner jemals was anderes servieren, lass es umgehend zurückschicken." Nach und nach wird die Küche von Männern bevölkert, die hämisch schauen: "Woah, Mädels, ihr könnt anscheinend echt nicht kochen!"
"Die KÜCHE kann nicht kochen!", entrüste ich mich, aber gegen Schadenfreude ist natürlich noch kein Kraut gewachsen.
"Es sind jetzt zwei Deutsche da, die dich kennen. Die waren schon mal da.", erzählt mir Libby später. Ich denke schon, die beiden Architektenmädels sind wieder da, aber nein, es sind zwei dumme Nörgeldeutsche, die immer nur das Bad besetzt und sich beschwert haben. Dieses Wiedersehen macht keine Freude. Auch die ins Bett über mir gezogene Chinesin verhält sich nicht so toll, sie hat all ihr Hab und Gut mit sich hinauf ins Bett genommen, wühlt ständig darin herum und kleidet sich auch im Bett aus und an. Das wäre kein Problem, wenn sich nicht jede ihrer Bewegungen auf das ganze Bett übertragen würde. Unten schüttelt es mich im Takt.
Give it to me, baby.
Dienstag, 30. August 2011
Montag, 29. August 2011
The Very English Caterpillar
"Christy, kannst du mir mein grünes Kleid geben?"
"Welches grüne Kleid?"
"Das grüne. Es ist ein Kleid und es ist grün."
Ihr Name ist Shannon und sie ist eine Diva. Wenn sie mitten in der Nacht aus den Pubs kommt, ist sie laut. Wenn sie schläft, schnarcht sie. Wenn sie redet, platzt einem das Trommelfell. Sie ist vielleicht vierzig, ihr Haar ist wasserstoffblond, manchmal lässt sie einen fahren und schreit: "Excuse me, Ladies." Ihre Begleiterin ist das ganze Gegenteil von ihr und geduldig macht sie alle Eskapaden ihrer Diva-Freundin mit. Sie sind das ganze Wochenende da.
Das grüne Kleid wird gefunden, Shannon wirft es sich über. "Wenn heute Abend auch nur irgendjemand mich eine fette Raupe nennt, gehen wir sofort wieder heim!" Das wird sicher niemand, das Kleid steht ihr gut, besser als der Leopardenanzug, den sie vorher anprobiert hat. In dem sah sie aus wie eine fette Miezekatze. Sie schmeißt sich fünf Liter Schminke ins Gesicht, der Lidstrich könnte auch mit Fettstift aufgetragen werden, so dick malt sie ihn sich auf die Augen. Libby und ich schauen uns an und lachen.
Libby ist Australierin, doch zur Zeit lebt sie in London und arbeitet dort als Kellnerin. Durch sie erhalte ich Einblick in die Englisch-Australischen Unterschiede. Zum Beispiel ist das Shampoo, dass in England als australisches Shampoo verkauft wird, nicht aus Australien. Und obwohl sie Vegetarierin ist, weiß sie von Freunden, dass Känguruh wohl sehr sehr gut schmeckt. Von " I am a Celebrity, get me out of here!" hat sie noch nie etwas gehört und dass das im australischen Dschungel stattfinden soll, glaubt sie auch nicht. "Was für ein Dschungel? Auf welcher Insel? Die eine Insel ist voller Schlangen, die andere ist von Haien umzingelt. Wo wollen die da ein Camp aufschlagen?"
Die Akzente fliegen nur so durch den Raum. Shannon kann ich kaum verstehen, sie kommt aus Kent. Christy spricht ganz klar, aber auch ganz so, wie man es von Briten erwartet. Und Libby ist nochmal ein ganz anderes Kaliber, die Satzmelodie ist viel abgehackter, sie verschluckt ganze Silben, wenn sie spricht. Dabei, so meint sie, spricht sie zur Zeit gemäßigt den australischen Dialekt. Sonst, in Australien, wäre der viel stärker ausgeprägt.
Mit im Raum ist eine Indonesierin mit dem für ihr Land sehr untypischen Namen Roswitha. Den hat ihr Vater von Studienzeiten aus der Schweiz mitgebracht. Sie trägt Kopftuch und geht im allgemeinen Getümmel fast völlig unter, dafür redet sie im Schlaf. "Stimmt es, das man im Ramadan tagsüber nicht einmal Wasser trinken darf?", frage ich sie. Sie nickt und lächelt dabei. Ich hingegen wundere mich gar nicht mehr, dass die im Hostel befindlichen Muslime zur Zeit so eine schlechte Laune haben...
Mein Elan reicht an diesem Wochenende nicht für große Sprünge, den Samstag verbringe ich in der Bibliothek, am Sonntag schaffe ich es gerade mal ins Archäologie Museum. Das finde ich richtig spannend. Vor einem 15 Meter langen Langboot aus einer Ära, deren Namen ich vergessen habe, stehe ich staunend. 15 Meter! Es ist das längste Boot, dass man in Irland aus dieser Zeit gefunden hat. Ein großer, halbierter und ausgehölter Baumstamm. Wenn ich mir vorstelle, dass da vor ewigen Zeiten Menschen drin saßen, mit Waren zum Handeln oder mit Fischernetzen, dann bin ich schon irgendwie ehrfürchtig.
Den Sonntag Abend verbringe ich mit Libby, die sich nicht vorstellen kann, dass Deutsche romantische Filme produzieren können. Weil Deutsch doch so seltsam klingt. Sie lädt mich zu Knoblauchbaguette ein, dann kommen die Engländerinnen zurück von ihrer Tagestour. Man unterhält sich über die Nationen, Libby kennt die Stars aus Australien nicht, Shannon wird wahnsinnig deswegen. Welche Showformate gibt es in den verschiedenen Ländern? Go for Gold? Who wants to be a millionaire? Jeopardy? Für was ist das eigene Land bekannt? Ich überlege kurz: "Volkswagen. BMW. Mercedes." Erst am nächsten Morgen fällt mir ein: "ALDI." Spätestens dafür muss uns Irland dankbar sein, denn nirgendwo bekommen die Iren so günstig Schinken.
Das Gespräch erlahmt, nach und nach schlafen alle ein, Shannon beginnt das Schnarchen.
RUMMS!
Libby ist von ihrem Hochbett gesprungen, sie kramt in ihrer Tasche, dann klettert sie zurück ins Nest.
Sie hat ihren Ipod hochgeholt, denn direkt unter ihr,
da sägt die dicke Raupe.
"Welches grüne Kleid?"
"Das grüne. Es ist ein Kleid und es ist grün."
Ihr Name ist Shannon und sie ist eine Diva. Wenn sie mitten in der Nacht aus den Pubs kommt, ist sie laut. Wenn sie schläft, schnarcht sie. Wenn sie redet, platzt einem das Trommelfell. Sie ist vielleicht vierzig, ihr Haar ist wasserstoffblond, manchmal lässt sie einen fahren und schreit: "Excuse me, Ladies." Ihre Begleiterin ist das ganze Gegenteil von ihr und geduldig macht sie alle Eskapaden ihrer Diva-Freundin mit. Sie sind das ganze Wochenende da.
Das grüne Kleid wird gefunden, Shannon wirft es sich über. "Wenn heute Abend auch nur irgendjemand mich eine fette Raupe nennt, gehen wir sofort wieder heim!" Das wird sicher niemand, das Kleid steht ihr gut, besser als der Leopardenanzug, den sie vorher anprobiert hat. In dem sah sie aus wie eine fette Miezekatze. Sie schmeißt sich fünf Liter Schminke ins Gesicht, der Lidstrich könnte auch mit Fettstift aufgetragen werden, so dick malt sie ihn sich auf die Augen. Libby und ich schauen uns an und lachen.
Libby ist Australierin, doch zur Zeit lebt sie in London und arbeitet dort als Kellnerin. Durch sie erhalte ich Einblick in die Englisch-Australischen Unterschiede. Zum Beispiel ist das Shampoo, dass in England als australisches Shampoo verkauft wird, nicht aus Australien. Und obwohl sie Vegetarierin ist, weiß sie von Freunden, dass Känguruh wohl sehr sehr gut schmeckt. Von " I am a Celebrity, get me out of here!" hat sie noch nie etwas gehört und dass das im australischen Dschungel stattfinden soll, glaubt sie auch nicht. "Was für ein Dschungel? Auf welcher Insel? Die eine Insel ist voller Schlangen, die andere ist von Haien umzingelt. Wo wollen die da ein Camp aufschlagen?"
Die Akzente fliegen nur so durch den Raum. Shannon kann ich kaum verstehen, sie kommt aus Kent. Christy spricht ganz klar, aber auch ganz so, wie man es von Briten erwartet. Und Libby ist nochmal ein ganz anderes Kaliber, die Satzmelodie ist viel abgehackter, sie verschluckt ganze Silben, wenn sie spricht. Dabei, so meint sie, spricht sie zur Zeit gemäßigt den australischen Dialekt. Sonst, in Australien, wäre der viel stärker ausgeprägt.
Mit im Raum ist eine Indonesierin mit dem für ihr Land sehr untypischen Namen Roswitha. Den hat ihr Vater von Studienzeiten aus der Schweiz mitgebracht. Sie trägt Kopftuch und geht im allgemeinen Getümmel fast völlig unter, dafür redet sie im Schlaf. "Stimmt es, das man im Ramadan tagsüber nicht einmal Wasser trinken darf?", frage ich sie. Sie nickt und lächelt dabei. Ich hingegen wundere mich gar nicht mehr, dass die im Hostel befindlichen Muslime zur Zeit so eine schlechte Laune haben...
Mein Elan reicht an diesem Wochenende nicht für große Sprünge, den Samstag verbringe ich in der Bibliothek, am Sonntag schaffe ich es gerade mal ins Archäologie Museum. Das finde ich richtig spannend. Vor einem 15 Meter langen Langboot aus einer Ära, deren Namen ich vergessen habe, stehe ich staunend. 15 Meter! Es ist das längste Boot, dass man in Irland aus dieser Zeit gefunden hat. Ein großer, halbierter und ausgehölter Baumstamm. Wenn ich mir vorstelle, dass da vor ewigen Zeiten Menschen drin saßen, mit Waren zum Handeln oder mit Fischernetzen, dann bin ich schon irgendwie ehrfürchtig.
Den Sonntag Abend verbringe ich mit Libby, die sich nicht vorstellen kann, dass Deutsche romantische Filme produzieren können. Weil Deutsch doch so seltsam klingt. Sie lädt mich zu Knoblauchbaguette ein, dann kommen die Engländerinnen zurück von ihrer Tagestour. Man unterhält sich über die Nationen, Libby kennt die Stars aus Australien nicht, Shannon wird wahnsinnig deswegen. Welche Showformate gibt es in den verschiedenen Ländern? Go for Gold? Who wants to be a millionaire? Jeopardy? Für was ist das eigene Land bekannt? Ich überlege kurz: "Volkswagen. BMW. Mercedes." Erst am nächsten Morgen fällt mir ein: "ALDI." Spätestens dafür muss uns Irland dankbar sein, denn nirgendwo bekommen die Iren so günstig Schinken.
Das Gespräch erlahmt, nach und nach schlafen alle ein, Shannon beginnt das Schnarchen.
RUMMS!
Libby ist von ihrem Hochbett gesprungen, sie kramt in ihrer Tasche, dann klettert sie zurück ins Nest.
Sie hat ihren Ipod hochgeholt, denn direkt unter ihr,
da sägt die dicke Raupe.
Samstag, 27. August 2011
Up the Dubs!
Abby weint, Patricia nörgelt. Wer hat Recht? Nach einem eskalierten Kinderstreit sortieren Jessica und ich die Fakten. Dabei stoßen wir auf grundsätzliche Fragen:
1. Ist es gerecht, von einem etwas älteren Kind gegenüber den Kleineren ein erwachsenes Verhalten zu fordern?
2. Wann spielt ein Kind, wann weint es wirklich?
3. Sollte man ein weinendes Kind immer sofort in den Arm nehmen und trösten? Was ist mit dem Kind, das nicht weint, aber mindestens genauso emotional betroffen ist?
Wir debattieren rege auf Deutsch, Abby wurde bereits aus dem Raum geholt, Patricia schaut uns fragend an, die anderen Kinder schauen fern. Zum Konflikt kam es, weil wir, anders als Sarah, von den Kindern nicht verlangen, starr auf das Fernsehbild zu schauen und keinen Laut zu geben, die Mädchen haben herumgealbert und aus Spaß wurde Ernst. Wir beschließen aber, den Vorfall positiv zu bewerten - sowohl wir als auch die Mädchen haben etwas dazugelernt. Mit den sonst üblichen Vermeidungsstrategien wäre zwar nichts passiert, aber auch kein Bewusstsein geschaffen worden. Blöd gelaufen ist nur, dass es einen Eingriff von außen gab. Abby wurde von den Betreuern im Nebenraum herausgeholt, zum Trost durfte sie Fritten essen. Patricia geht also als Verlierer aus dem Streit hervor, weil sie eben schon etwas älter ist und nicht geweint hat. Weinen als weibliches Druckmittel in seiner frühen Entwicklungsphase?
Der Vorfall ist schnell vergessen, obwohl ich streng zu Abby war, fällt sie mir später wieder um den Hals. Patricia haben wir noch mal ganz ruhig erklärt, wie wir die Situation wahrgenommen haben und das unser Standpunkt ihr gegenüber nicht fair war. Das hat sie erleichtert und verständnisvoll abgenickt. Kommunikation auf Augenhöhe mit Kindern zu führen ist nicht ganz einfach, aber lohnend.
Mit Sarah gibt es dann plötzlich einen magischen Moment. Patricia wählt ein 200 Teile Puzzle und zusammen mit Sarah helfen wir ihr dabei, es zusammen zu setzen. Plötzlich kommt so etwas wie Kommunikation zustande, Sarah lacht über Jessicas Kapitulation vor dem Puzzle, sie redet mit uns, wenig, aber immerhin. Plötzlich fühlen wir uns, und das muss man sich mal geben, EXISTENT. Positiv verstärkend wirkt wohl, dass Jessica und ich ein neues Abkommen haben: In der Creche nur Englisch. Extremsituationen ausgenommen. Außerdem trage ich blau. Blau, um meine Zugehörigkeit zum Fanlager der Dubliners zu signalisieren, die am Sonntag im Semi-Finale gegen Donegal antreten. "Up the Dubs!" , ist der Schlachtruf, der bereits an den Fensterscheiben der Creche geschrieben steht.
Am Nachmittag ist Aidans Abschiedsfeier, er geht jetzt auf eine Schule für große Jungs und hat einen Piraten-Kuchen mitgebracht, zu dem uns Sarah herzlich einlädt: "Nehmt euch was, der ist so reichhaltig, die Kinder werden dass eh nicht alles schaffen." Der Kuchen ist lecker, aber wir nehmen wirklich nur eine winzige Kostprobe. Man will ja nicht gierig wirken.
Auf dem Heimweg sind wir später verwirrt: Wo kommt Sarahs positive Seite her? Hat die urlaubsbedingte Abwesenheit Aishlings etwas damit zu tun? Wie wird es, wenn Aishling nächste Woche wieder da ist? Fast schon wünschen wir uns, dass sie nicht wiederkommt, denn die Situation mit Sarah ist spannend. Vermutlich gehen wir aber zur Ausgangssituation zurück, sobald Aishling wieder da ist. Vom Standpunkt der Forschung aus gesehen ist das irgendwie schade.
Im Hostel haue ich mich gleich auf's Ohr, die Woche hat mich ganz schön fertig gemacht. Den Versuch, ins Internet zu kommen, unternehme ich schon gar nicht mehr. Am Abend treffe ich Rubina, die Italienerin. Es ist ihr letzter Abend in Dublin und sie ist etwas geknickt, denn die Menschen, mit denen sie sich angefreundet hatte, sind nicht da. Jetzt wartet sie in der Küche darauf, dass sich noch jemand von ihnen zeigt. Von Mitleid getränkt schleife ich sie in den Tesco, wir holen uns Cider und setzen uns in den Hinterhof des Hostels zum quatschen. Durch das Fenster sehen wir Quasimodo in der Küche umherlaufen, da schaut sie mich an und meint grinsend: "Ich habe einen Feind im Hostel!" Sie zeigt auf den Glöckner. "Aha.", grinse ich, "Her mit der Story." Ich erwarte das Übliche, die seltsamen Flirtversuche des Quasimodo, doch ihre Geschichte ist ganz anders: "Ich bin eines Morgens in die Küche gekommen, da saß er mit ein paar Leuten, die ich kenne, ich sage also Guten Morgen, einfach so, in die Runde, von ihm kommt gar keine Antwort und ich setze mich hin. Da sagt er plötzlich: 'Warum redest du mit mir? Ich kann dich nicht leiden. Ich möchte nicht, dass du mit mir sprichst!' und ich dachte mir nur, was ist denn jetzt los? Na, auf jeden Fall ignoriert der mich die ganze Zeit...es ist jetzt nicht so, dass ich deswegen nicht schlafen kann, eigentlich lache ich drüber, ich finde es nur merkwürdig." Ich finde es auch merkwürdig, so kenne ich die alte Flörtomate gar nicht. Noch am Vortag hat er sogar meinen Teller und meine Suppenschüssel abgewaschen und abgeräumt - beides hatte ich vergessen, weil mich die Rezeption wegen eines Telefonats aus der Küche heraus rief. Und zu Rubina nun diese Unfreundlichkeiten? Seltsam, seltsam.
Rubinas vermisste Freunde tröpfeln nach und nach ins Hostel, deshalb verabschiede ich mich von ihr: "Der christliche Teil ist jetzt vorbei, Rubina. Ich kann dich nämlich auch nicht leiden." Rubina lacht, wir umarmen uns zum Abschied.
Ich gehe aufs Zimmer, ich bin allein. Die nervigen Spanierinnen sind auf und davon. Selten, so viel Privatsphäre. Ich höre Musik und mache Pläne, Pläne für den 9., 10., 11. September, denn da....
...bekomme ich BESUCH!
1. Ist es gerecht, von einem etwas älteren Kind gegenüber den Kleineren ein erwachsenes Verhalten zu fordern?
2. Wann spielt ein Kind, wann weint es wirklich?
3. Sollte man ein weinendes Kind immer sofort in den Arm nehmen und trösten? Was ist mit dem Kind, das nicht weint, aber mindestens genauso emotional betroffen ist?
Wir debattieren rege auf Deutsch, Abby wurde bereits aus dem Raum geholt, Patricia schaut uns fragend an, die anderen Kinder schauen fern. Zum Konflikt kam es, weil wir, anders als Sarah, von den Kindern nicht verlangen, starr auf das Fernsehbild zu schauen und keinen Laut zu geben, die Mädchen haben herumgealbert und aus Spaß wurde Ernst. Wir beschließen aber, den Vorfall positiv zu bewerten - sowohl wir als auch die Mädchen haben etwas dazugelernt. Mit den sonst üblichen Vermeidungsstrategien wäre zwar nichts passiert, aber auch kein Bewusstsein geschaffen worden. Blöd gelaufen ist nur, dass es einen Eingriff von außen gab. Abby wurde von den Betreuern im Nebenraum herausgeholt, zum Trost durfte sie Fritten essen. Patricia geht also als Verlierer aus dem Streit hervor, weil sie eben schon etwas älter ist und nicht geweint hat. Weinen als weibliches Druckmittel in seiner frühen Entwicklungsphase?
Der Vorfall ist schnell vergessen, obwohl ich streng zu Abby war, fällt sie mir später wieder um den Hals. Patricia haben wir noch mal ganz ruhig erklärt, wie wir die Situation wahrgenommen haben und das unser Standpunkt ihr gegenüber nicht fair war. Das hat sie erleichtert und verständnisvoll abgenickt. Kommunikation auf Augenhöhe mit Kindern zu führen ist nicht ganz einfach, aber lohnend.
Mit Sarah gibt es dann plötzlich einen magischen Moment. Patricia wählt ein 200 Teile Puzzle und zusammen mit Sarah helfen wir ihr dabei, es zusammen zu setzen. Plötzlich kommt so etwas wie Kommunikation zustande, Sarah lacht über Jessicas Kapitulation vor dem Puzzle, sie redet mit uns, wenig, aber immerhin. Plötzlich fühlen wir uns, und das muss man sich mal geben, EXISTENT. Positiv verstärkend wirkt wohl, dass Jessica und ich ein neues Abkommen haben: In der Creche nur Englisch. Extremsituationen ausgenommen. Außerdem trage ich blau. Blau, um meine Zugehörigkeit zum Fanlager der Dubliners zu signalisieren, die am Sonntag im Semi-Finale gegen Donegal antreten. "Up the Dubs!" , ist der Schlachtruf, der bereits an den Fensterscheiben der Creche geschrieben steht.
Am Nachmittag ist Aidans Abschiedsfeier, er geht jetzt auf eine Schule für große Jungs und hat einen Piraten-Kuchen mitgebracht, zu dem uns Sarah herzlich einlädt: "Nehmt euch was, der ist so reichhaltig, die Kinder werden dass eh nicht alles schaffen." Der Kuchen ist lecker, aber wir nehmen wirklich nur eine winzige Kostprobe. Man will ja nicht gierig wirken.
Auf dem Heimweg sind wir später verwirrt: Wo kommt Sarahs positive Seite her? Hat die urlaubsbedingte Abwesenheit Aishlings etwas damit zu tun? Wie wird es, wenn Aishling nächste Woche wieder da ist? Fast schon wünschen wir uns, dass sie nicht wiederkommt, denn die Situation mit Sarah ist spannend. Vermutlich gehen wir aber zur Ausgangssituation zurück, sobald Aishling wieder da ist. Vom Standpunkt der Forschung aus gesehen ist das irgendwie schade.
Im Hostel haue ich mich gleich auf's Ohr, die Woche hat mich ganz schön fertig gemacht. Den Versuch, ins Internet zu kommen, unternehme ich schon gar nicht mehr. Am Abend treffe ich Rubina, die Italienerin. Es ist ihr letzter Abend in Dublin und sie ist etwas geknickt, denn die Menschen, mit denen sie sich angefreundet hatte, sind nicht da. Jetzt wartet sie in der Küche darauf, dass sich noch jemand von ihnen zeigt. Von Mitleid getränkt schleife ich sie in den Tesco, wir holen uns Cider und setzen uns in den Hinterhof des Hostels zum quatschen. Durch das Fenster sehen wir Quasimodo in der Küche umherlaufen, da schaut sie mich an und meint grinsend: "Ich habe einen Feind im Hostel!" Sie zeigt auf den Glöckner. "Aha.", grinse ich, "Her mit der Story." Ich erwarte das Übliche, die seltsamen Flirtversuche des Quasimodo, doch ihre Geschichte ist ganz anders: "Ich bin eines Morgens in die Küche gekommen, da saß er mit ein paar Leuten, die ich kenne, ich sage also Guten Morgen, einfach so, in die Runde, von ihm kommt gar keine Antwort und ich setze mich hin. Da sagt er plötzlich: 'Warum redest du mit mir? Ich kann dich nicht leiden. Ich möchte nicht, dass du mit mir sprichst!' und ich dachte mir nur, was ist denn jetzt los? Na, auf jeden Fall ignoriert der mich die ganze Zeit...es ist jetzt nicht so, dass ich deswegen nicht schlafen kann, eigentlich lache ich drüber, ich finde es nur merkwürdig." Ich finde es auch merkwürdig, so kenne ich die alte Flörtomate gar nicht. Noch am Vortag hat er sogar meinen Teller und meine Suppenschüssel abgewaschen und abgeräumt - beides hatte ich vergessen, weil mich die Rezeption wegen eines Telefonats aus der Küche heraus rief. Und zu Rubina nun diese Unfreundlichkeiten? Seltsam, seltsam.
Rubinas vermisste Freunde tröpfeln nach und nach ins Hostel, deshalb verabschiede ich mich von ihr: "Der christliche Teil ist jetzt vorbei, Rubina. Ich kann dich nämlich auch nicht leiden." Rubina lacht, wir umarmen uns zum Abschied.
Ich gehe aufs Zimmer, ich bin allein. Die nervigen Spanierinnen sind auf und davon. Selten, so viel Privatsphäre. Ich höre Musik und mache Pläne, Pläne für den 9., 10., 11. September, denn da....
...bekomme ich BESUCH!
Donnerstag, 25. August 2011
Zeitlos ohne Weltnetz
Als ich im Hostel ankam, lachten mich folgende Stichpunkte an:
Free Dinner on Tuesday and Thursday
Free BBQ on Saturday
Free Wi Fi
Free Laundry from Monday to Wednesday
Im Klartext also: Hier kannst du ins Internet. Hier gibt's drei Mal die Woche ein Abendessen und hier kann man Wäsche waschen. Man nehme den Imperativ Singular von "Pusten" und addiere ein "Kuchen". Das es kein Abendessen gibt, wurde sehr bald klar und wurde von mir hingenommen. Habe mir eh nicht vorstellen können, wie man sich das leisten konnte. Als dann das Internet klapprig wurde, habe ich zähneknirschend auf die Rückkehr desselben gewartet. Aber jetzt ist gut. Jetzt liegt das Internet im Endzeitkoma und die Wäscherei ist abgesperrt. Jetzt hab ich keine Lust mehr und weil ich zuhause einen Helden habe, darf ich im September umziehen. Ins Abraham House - neues Hostel, neue Chance.
Die Ereignisse der letzten Tage nun in Kürze:
Montag: Sarah und Aishling sind nicht da, was die Lage sehr entspannt. Ohne Sarahs schlechte Laune und Aislings Hektik sind auch die Kinder guter Dinge und trödeln ohne Druck durch den Tag. Beim Wolkenschauen im Park wird es drollig: "Ich sehe einen Berg!", "Ich sehe ein Schaf!", "Ich sehe ein endoplasmatisches Retikulum!" Wer hat wohl was gesehen? Im Hostel geht mir eine Rige spanischer Partymädchen gehörig auf den Senkel und mein Toastbrot schimmelt sich zu Tode - Mist!
Dienstag: Ich sitze mit Jessica in einer Ecke des M Raums und schneide Möbel aus einem Marks & Spencer Katalog aus. Die dürfen die Kinder später in einen vorgezeichneten Raum kleben. Manche bekommen das schon fein hin, in einigen Apartments hat aber die Schwerkraft ausgesetzt : Sofas fliegen auf den Betrachter zu. Es macht den Kleinen Spaß, das ist schön. Maxis Hutschnur hat aber ausgedient, sie verlässt den Kindergarten vorzeitig und reist zu einer Freundin. Ihre Tage in Irland sind ohnehin gezählt, am Ende der Woche will sie fliegen. Morgen ist ihr letzter Tag in der Creche. Mit Jessica gehe ich Charity Shops abklappern, dann treffen wir uns mit Maxi und gehen an der Liffey Cider trinken. Maxi ist fertig und geht bald heim, mit Jessica erfinde ich noch einen fragwürdigen Sommerhit mit "explicit" Stempel.
Mittwoch: Gerade haben wir Sarah schon so etwas wie eine gute Seite zustehen wollen, da zwingt sie zur Mittagszeit die kleine Abby derartig schlimm zum Essen, dass uns schlecht wird. Noch während die weint, gabelt sie ihr Nudeln in den Hals und als sie würgt, ist ihr Kommentar: "Tu jetzt nicht so!" Abby ist total fertig mit den Nerven und wir schalten leider nicht schnell genug. "Das ist Körperverletzung!", sagt Maxi sofort, als wir es ihr erzählen. "Bei so was sofort einschreiten! Alles wegnehmen, das darf auf gar keinen Fall nochmal passieren." Sie hat Recht und wir fühlen uns schlecht, weil wir das nicht gleich erkannt haben. Am Nachmittag werden wir in den Middle Room geschickt um auf die schlafenden Pre-M's aufzupassen. Der kleine Jack will dort nicht schlafen, weil er am Tag zuvor einen Albtraum hatte. Ich lege mich neben ihn und wir unterhalten uns flüsternd. Er und sein Bruder Gavin sind mittlerweile im Kreis unserer heimlichen Lieblinge, weil sie so zuckersüß sind. Dazu ist Jack schon ziemlich schlau. Als wir uns schlafend stellen, durchschaut er das: "Ihr schlaft nicht. Ihr habt kein Bett, ihr habt keinen Teddy und ihr seid nicht müde."
Donnerstag: Die Montessoris mühen sich mit Buntstiften ab, mit denen sie Legosteine umreißen sollen, oder andere Objekte, die wir aus dem Spielzimmer geholt haben. Sie sind total überfordert. Nicht nur ist ihnen der Buntstift fremd (weil sie die Buntstiftminen so oft abbrechen, bekommen sie nur Fettstifte, damit man sich das viele Anspitzen spart), auch braucht es zu viel Konzentration, um die Objekte als Schablone zu benutzen. Ab und zu hole ich ein Kind ins Spielzimmer, ich spiele mit ihnen "Sagen Sie jetzt nichts", sie müssen auf Fragen mit Gesichtsausdrücken antworten. Wie schaust du aus, wenn Mama Pancakes macht? Darragh streckt begeistert die Zunge heraus. Wie sieht ein Pirat aus? Peter beugt den Arm vor der Brust und sagt "Aaaaargh!". Wie bewegt sich eine Prinzessin? Faye streckt die Arme aus und dreht sich im Kreis. Die Fotos werden schön, ich hätte es fast nicht zu hoffen gewagt. Nur Lia knaubelt an ihren Fingern und rührt sich nicht. "Dann eben nicht, ist gut!", sage ich ihr. Auch frage ich jedes Kind, ob es fotografiert werden will. Francis, die normalerweise die Pre-Ms betreut, ist heute mit unten. Sie schaut uns zu und schneidet Früchte für die Snacktime zurecht. Als wir später in der Garderobe stehen, kommt sie vorbei: "Das habt ihr echt toll gemacht.", sagt sie. Wir relativieren: "Das mit dem Zeichnen war zuviel für die Kinder.", aber darum ging es Francis gar nicht: "Wie ihr mit den Kindern gesprochen habt und wie ihr das alles erklärt habt, das war echt gut, ich war beeindruckt." Endlich mal ein Lob. Wir strahlen und gehen in den verdienten Feierabend.
Free Dinner on Tuesday and Thursday
Free BBQ on Saturday
Free Wi Fi
Free Laundry from Monday to Wednesday
Im Klartext also: Hier kannst du ins Internet. Hier gibt's drei Mal die Woche ein Abendessen und hier kann man Wäsche waschen. Man nehme den Imperativ Singular von "Pusten" und addiere ein "Kuchen". Das es kein Abendessen gibt, wurde sehr bald klar und wurde von mir hingenommen. Habe mir eh nicht vorstellen können, wie man sich das leisten konnte. Als dann das Internet klapprig wurde, habe ich zähneknirschend auf die Rückkehr desselben gewartet. Aber jetzt ist gut. Jetzt liegt das Internet im Endzeitkoma und die Wäscherei ist abgesperrt. Jetzt hab ich keine Lust mehr und weil ich zuhause einen Helden habe, darf ich im September umziehen. Ins Abraham House - neues Hostel, neue Chance.
Die Ereignisse der letzten Tage nun in Kürze:
Montag: Sarah und Aishling sind nicht da, was die Lage sehr entspannt. Ohne Sarahs schlechte Laune und Aislings Hektik sind auch die Kinder guter Dinge und trödeln ohne Druck durch den Tag. Beim Wolkenschauen im Park wird es drollig: "Ich sehe einen Berg!", "Ich sehe ein Schaf!", "Ich sehe ein endoplasmatisches Retikulum!" Wer hat wohl was gesehen? Im Hostel geht mir eine Rige spanischer Partymädchen gehörig auf den Senkel und mein Toastbrot schimmelt sich zu Tode - Mist!
Dienstag: Ich sitze mit Jessica in einer Ecke des M Raums und schneide Möbel aus einem Marks & Spencer Katalog aus. Die dürfen die Kinder später in einen vorgezeichneten Raum kleben. Manche bekommen das schon fein hin, in einigen Apartments hat aber die Schwerkraft ausgesetzt : Sofas fliegen auf den Betrachter zu. Es macht den Kleinen Spaß, das ist schön. Maxis Hutschnur hat aber ausgedient, sie verlässt den Kindergarten vorzeitig und reist zu einer Freundin. Ihre Tage in Irland sind ohnehin gezählt, am Ende der Woche will sie fliegen. Morgen ist ihr letzter Tag in der Creche. Mit Jessica gehe ich Charity Shops abklappern, dann treffen wir uns mit Maxi und gehen an der Liffey Cider trinken. Maxi ist fertig und geht bald heim, mit Jessica erfinde ich noch einen fragwürdigen Sommerhit mit "explicit" Stempel.
Mittwoch: Gerade haben wir Sarah schon so etwas wie eine gute Seite zustehen wollen, da zwingt sie zur Mittagszeit die kleine Abby derartig schlimm zum Essen, dass uns schlecht wird. Noch während die weint, gabelt sie ihr Nudeln in den Hals und als sie würgt, ist ihr Kommentar: "Tu jetzt nicht so!" Abby ist total fertig mit den Nerven und wir schalten leider nicht schnell genug. "Das ist Körperverletzung!", sagt Maxi sofort, als wir es ihr erzählen. "Bei so was sofort einschreiten! Alles wegnehmen, das darf auf gar keinen Fall nochmal passieren." Sie hat Recht und wir fühlen uns schlecht, weil wir das nicht gleich erkannt haben. Am Nachmittag werden wir in den Middle Room geschickt um auf die schlafenden Pre-M's aufzupassen. Der kleine Jack will dort nicht schlafen, weil er am Tag zuvor einen Albtraum hatte. Ich lege mich neben ihn und wir unterhalten uns flüsternd. Er und sein Bruder Gavin sind mittlerweile im Kreis unserer heimlichen Lieblinge, weil sie so zuckersüß sind. Dazu ist Jack schon ziemlich schlau. Als wir uns schlafend stellen, durchschaut er das: "Ihr schlaft nicht. Ihr habt kein Bett, ihr habt keinen Teddy und ihr seid nicht müde."
Donnerstag: Die Montessoris mühen sich mit Buntstiften ab, mit denen sie Legosteine umreißen sollen, oder andere Objekte, die wir aus dem Spielzimmer geholt haben. Sie sind total überfordert. Nicht nur ist ihnen der Buntstift fremd (weil sie die Buntstiftminen so oft abbrechen, bekommen sie nur Fettstifte, damit man sich das viele Anspitzen spart), auch braucht es zu viel Konzentration, um die Objekte als Schablone zu benutzen. Ab und zu hole ich ein Kind ins Spielzimmer, ich spiele mit ihnen "Sagen Sie jetzt nichts", sie müssen auf Fragen mit Gesichtsausdrücken antworten. Wie schaust du aus, wenn Mama Pancakes macht? Darragh streckt begeistert die Zunge heraus. Wie sieht ein Pirat aus? Peter beugt den Arm vor der Brust und sagt "Aaaaargh!". Wie bewegt sich eine Prinzessin? Faye streckt die Arme aus und dreht sich im Kreis. Die Fotos werden schön, ich hätte es fast nicht zu hoffen gewagt. Nur Lia knaubelt an ihren Fingern und rührt sich nicht. "Dann eben nicht, ist gut!", sage ich ihr. Auch frage ich jedes Kind, ob es fotografiert werden will. Francis, die normalerweise die Pre-Ms betreut, ist heute mit unten. Sie schaut uns zu und schneidet Früchte für die Snacktime zurecht. Als wir später in der Garderobe stehen, kommt sie vorbei: "Das habt ihr echt toll gemacht.", sagt sie. Wir relativieren: "Das mit dem Zeichnen war zuviel für die Kinder.", aber darum ging es Francis gar nicht: "Wie ihr mit den Kindern gesprochen habt und wie ihr das alles erklärt habt, das war echt gut, ich war beeindruckt." Endlich mal ein Lob. Wir strahlen und gehen in den verdienten Feierabend.
Lovely Zoovenirs
"Zoovenirs!" steht auf dem Schild. Haha! Blöder Kalauer. Ich bin im Zoo. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Als ich das Haus verließ, wollte ich in die Charity Shops. Als die geschlossen waren, wollte ich ins Marks & Spencers. Als das auch nicht auf war, wollte ich nur in den Phoenixpark und dort angekommen dachte ich mir: Jetzt biste hier, jetzt kannste auch in den Zoo gehen. Und so kam es dann - trotz horrender Eintrittspreise.
Besser hätte ich es in meinem leicht angeschlagenen Zustand gar nicht treffen können, denn hier ist es schön, hier kann man die Seel etwas baumeln lassen und es wird nicht langweilig dabei, denn Tiere sind zum piepen. Ich schaue einem Tiger dabei zu, wie er einen kleinen Teich umkreist, in den ein Stück Fleisch bei der Fütterung gefallen ist. Wie kommt man jetzt da ran, ohne sich nass zu machen? Aus der Umkreisung wird Tuchfühlung, aus der Tuchfühlung ein nasser Tiger. Und immer noch kein Fleisch, denn dafür müsste der arme Kerl tauchen. Aber das Vieh ist hartnäckig. Bewundernswert hartnäckig. Der bleibt da dran und wir schauen zu.
Auf einer Insel hocken Lemuren im Baum und wenn denen mal danach ist, dann fangen die an, überlautstark zu gurren - wenn man nicht drauf vorbereitet ist, erschrickt man sich da ganz schön. Ebenso gut könnte ein Schwarm böser Krähen über einem in den Zweigen sitzen, die Stimmung erinnert an McBeth und zahlreich schauen Eltern besorgt nach oben. Ob da jetzt eine Attacke kommt? Wohl eher nicht.
Ich schlendere von Gehege zu Gehege, der Zoo ist riesig groß und hat sogar eine künstliche Savannengegend für all die afrikanischen Tiere. Ich sehe zum ersten Mal eine Giraffe leibhaftig vor mir stehen und bin verzückt von so viel Schönheit und Eleganz. Wie die läuft! Bezaubernd.
Es geht weiter zu Elefanten, Flamingos, zu Nashörnern und Pinguinen, Leoparden, Schlangen, Nilpferden... die längste Zeit stehe ich am Becken der Seelöwen, die sich einfach nur ganz und gar albern benehmen. In mir reift die Ahnung, der Dixieland Jazz in seiner Urform müsse von den Seelöwen erfunden worden sein, denn jazzig und trompetig quirlen die durch das Wasser, dabei nach menschlichen Maßstäben grinsend.
Drei Stunden lang spaziere ich umher, zu meinem Glück war ich ein früher Gast, am Nachmittag brechen Großfamilien und Japaner mit Japanern in den Zoo ein, da wird es mir zu dumm. Gelohnt hat es sich aber doch und das der Fußmarsch in den Phoenixpark selbst schon eineinhalb Stunden dauert, kann ich deshalb verschmerzen.
Auf dem Weg kaufe ich mir für 2 Euro eine Tasse - Präventivschlag gegen den Kindergarten...
Besser hätte ich es in meinem leicht angeschlagenen Zustand gar nicht treffen können, denn hier ist es schön, hier kann man die Seel etwas baumeln lassen und es wird nicht langweilig dabei, denn Tiere sind zum piepen. Ich schaue einem Tiger dabei zu, wie er einen kleinen Teich umkreist, in den ein Stück Fleisch bei der Fütterung gefallen ist. Wie kommt man jetzt da ran, ohne sich nass zu machen? Aus der Umkreisung wird Tuchfühlung, aus der Tuchfühlung ein nasser Tiger. Und immer noch kein Fleisch, denn dafür müsste der arme Kerl tauchen. Aber das Vieh ist hartnäckig. Bewundernswert hartnäckig. Der bleibt da dran und wir schauen zu.
Auf einer Insel hocken Lemuren im Baum und wenn denen mal danach ist, dann fangen die an, überlautstark zu gurren - wenn man nicht drauf vorbereitet ist, erschrickt man sich da ganz schön. Ebenso gut könnte ein Schwarm böser Krähen über einem in den Zweigen sitzen, die Stimmung erinnert an McBeth und zahlreich schauen Eltern besorgt nach oben. Ob da jetzt eine Attacke kommt? Wohl eher nicht.
Ich schlendere von Gehege zu Gehege, der Zoo ist riesig groß und hat sogar eine künstliche Savannengegend für all die afrikanischen Tiere. Ich sehe zum ersten Mal eine Giraffe leibhaftig vor mir stehen und bin verzückt von so viel Schönheit und Eleganz. Wie die läuft! Bezaubernd.
Es geht weiter zu Elefanten, Flamingos, zu Nashörnern und Pinguinen, Leoparden, Schlangen, Nilpferden... die längste Zeit stehe ich am Becken der Seelöwen, die sich einfach nur ganz und gar albern benehmen. In mir reift die Ahnung, der Dixieland Jazz in seiner Urform müsse von den Seelöwen erfunden worden sein, denn jazzig und trompetig quirlen die durch das Wasser, dabei nach menschlichen Maßstäben grinsend.
Drei Stunden lang spaziere ich umher, zu meinem Glück war ich ein früher Gast, am Nachmittag brechen Großfamilien und Japaner mit Japanern in den Zoo ein, da wird es mir zu dumm. Gelohnt hat es sich aber doch und das der Fußmarsch in den Phoenixpark selbst schon eineinhalb Stunden dauert, kann ich deshalb verschmerzen.
Auf dem Weg kaufe ich mir für 2 Euro eine Tasse - Präventivschlag gegen den Kindergarten...
Samstag, 20. August 2011
Von Tassen und Schränken
"Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort", das fällt mir ein, wenn ich mich mit Maxi unterhalte, aber erklären kann ich es nicht wirklich. Wir sind uns sehr ähnlich, aber irgendwie spiegelverkehrt zueinander.
Der Tag war etwas nervtötend, zuerst waren wir mit den Kindern im Natural History Museum, welches mehr oder weniger eine zweistöckige Zurschaustellung toter, ausgestopfter Tiere ist. "Ich werde Albträume haben..." sage ich, als ich einem großen, toten Elefanten in die Augen schaue. Der Lernwert für die Kinder ist auch gleich null, denn die sausen nur durchs Museum, rufen sich kurz zu, ob sie gerade ein tolles Tier gefunden haben und versuchen sich dem Gebot des Nichtanfassens zu widersetzen. Innerhalb einer halben Stunde ist das alles abgefrühstückt und wir gehen wieder. In Anbetracht der Tatsache, dass wir sehr lange brauchen, um mit den Lütten durch die Stadt hierherzukommen, lässt sich ganz klar sagen, das hier das Kosten-Nutzen Verhältnis nicht im Mindesten stimmt.
Sarah ist eigentlich nicht da, nur kurz vor der Mittagszeit schneit sie mit ihrer Mutter herein um sich von den Kindern feiern zu lassen. Mit lieben Worten fischt sie sich die ran und präsentiert sich, als wären hier alle ihre Fans. Jessica lächelt mich an: "Ich kotz gleich!"
Es gibt ein Tassenproblem. Das könnte alberner nicht sein. Als Alice uns den Kindergarten zeigte, wies sie in der Küche auf einen Schrank voller Tassen - daraus könnten wir welche nehmen, für Kaffee, Tee oder was auch immer. So einfach ist das aber gar nicht, denn jede Tasse wurde mitgebracht. Als also einmal in Sultanas Tasse (Sultana ist eine Betreuerin mit, wie wir raten, indischen Wurzeln) mit Maxis Kaffee gefüllt ist, kippt sie diesen weg. Die Tasse muss für den nachmittäglichen Tee freigehalten werden. Maxi ist sauer. Das war am Donnerstag. Nun ist es Freitag und Sultana will mit Maxi reden. Sie erklärt ihr, dass es nur nett von ihr gemeint war, dass sie so direkt die Tassenproblematik anspricht. Andere ärgern sich ja hinter Maxis Rücken über die Tassenokkupation und das wär doch blöd. Wer? Sarah, zum Beispiel. Aha.
Die Leute sind heute auffällig nett zu uns, machen aber auch auffällig Stimmung gegen Sarah. So sehr wir auch selbst gegen diese Dame aufgebracht sind, dieses hinterhältige Tauziehen will uns auch nicht gefallen. Jetzt wo Sarah mal nicht da ist, trauen sich diese Duckmäuser plötzlich, ihren Namen abfällig in den Mund zu nehmen. Das kann es ja jetzt auch nicht sein. Also fällt der Beschluss: Raushalten. Zu allen nett sein. Bloß nicht mit reinziehen lassen.
Nach der Schlafenszeit ist Georges Abschiedsfeier, denn der verlässt mit Schwester Natalie den Kindergarten. Er tut uns leid, denn wirklich traurig ist über den Abschied niemand. George ist schlau, phantasievoll, und ein Quatschfass. Durch letzteres hat er sich unbeliebt gemacht und Aishling verhehlt nicht, wie froh sie ist,dass er geht. Das finden wir gemein und auch wenn ich Aishling sonst gern habe, ist das das Letzte. Ich umarme George zum Abschied und sage ihm, wie sehr ich mich freue, dass ich ihn kennenlernen durfte. Er grinst verlegen.
Am Nachmittag schlendere ich die Camden Street hoch, ich will die Mädels bei ihren Gasteltern besuchen. Jessica, Maxi und auch Hauke wohnen nämlich alle im selben Haus. Wobei jetzt Hauke natürlich keines von den Mädels ist...
Wie dem auch sei, Jessica holt mich beim TESCO Markt ab, wir kaufen noch Cider für alle und dann stehe ich in einem edel, wenn auch steril eingerichteten Haus und schüttle einer blonden, leicht abgekämpft drei schauenden Irin die Hand. Die will die Komplimente zur Einrichtung gar nicht so recht hören und ist, auch wenn sie es sich nicht anmerken lässt, auch von meiner Ankunft gar nicht recht begeistert, denn Jessica hatte es versäumt, mich rechtzeitig anzukündigen - Ups.
Wir essen Pizza und verkrümeln uns dann in Jessicas Zimmer, wo wir stundenlang über Gott und die Welt quatschen. Es wird Abend, es wird dunkel, es wird Nacht, es wird sehr, sehr spät. In mystische, weltanschauliche, aber auch alltägliche Themen sind wir verstrickt, als plötzlich, kurz vor zwölf, die Gastmutter im Zimmer steht und mich bittet, jetzt zu gehen, es schlafen schon alle. Ich entschuldige mich fix und entfleuche, das abrupte Ende des Abends macht mir aber gar nichts aus. Auf dem Rückweg fotografiere ich noch das umnachtete Dublin und summe vor mich hin.
Zurück im Hostel belagern neue Gäste das Zimmer, sie räumen gerade ihre Taschen aus und sind aus Deutschland. Dortmund, um genau zu sein. Viel rede ich nicht mehr mit ihnen, nur kurz bevor ich ins Bad gehe, gibt es noch einen lustigen Moment.
Ich schalte gerade das Licht an, da schaut mich eines der Mädchen verzweifelt an und fragt:
"Gibt es hier Schränke, die ich übersehe?"
Ich lache auf: "Willkommen im Hostel Camden Hall!"
--------------------------------------------------------------------------
Rätselauflösung "Überraschungsfotografen..."
1) Schaltjahrkind! Der zehnjährige hatte erst zehn offizielle Geburtstage, ist aber schon so an die vierzig
2) zwei Beine, weil alle Säugetiere zwee Beene und zwee Arme haben (doof, I know)
3)Geburtshaus (wenn keene Väter mitkommen)
4)Drei
Der Tag war etwas nervtötend, zuerst waren wir mit den Kindern im Natural History Museum, welches mehr oder weniger eine zweistöckige Zurschaustellung toter, ausgestopfter Tiere ist. "Ich werde Albträume haben..." sage ich, als ich einem großen, toten Elefanten in die Augen schaue. Der Lernwert für die Kinder ist auch gleich null, denn die sausen nur durchs Museum, rufen sich kurz zu, ob sie gerade ein tolles Tier gefunden haben und versuchen sich dem Gebot des Nichtanfassens zu widersetzen. Innerhalb einer halben Stunde ist das alles abgefrühstückt und wir gehen wieder. In Anbetracht der Tatsache, dass wir sehr lange brauchen, um mit den Lütten durch die Stadt hierherzukommen, lässt sich ganz klar sagen, das hier das Kosten-Nutzen Verhältnis nicht im Mindesten stimmt.
Sarah ist eigentlich nicht da, nur kurz vor der Mittagszeit schneit sie mit ihrer Mutter herein um sich von den Kindern feiern zu lassen. Mit lieben Worten fischt sie sich die ran und präsentiert sich, als wären hier alle ihre Fans. Jessica lächelt mich an: "Ich kotz gleich!"
Es gibt ein Tassenproblem. Das könnte alberner nicht sein. Als Alice uns den Kindergarten zeigte, wies sie in der Küche auf einen Schrank voller Tassen - daraus könnten wir welche nehmen, für Kaffee, Tee oder was auch immer. So einfach ist das aber gar nicht, denn jede Tasse wurde mitgebracht. Als also einmal in Sultanas Tasse (Sultana ist eine Betreuerin mit, wie wir raten, indischen Wurzeln) mit Maxis Kaffee gefüllt ist, kippt sie diesen weg. Die Tasse muss für den nachmittäglichen Tee freigehalten werden. Maxi ist sauer. Das war am Donnerstag. Nun ist es Freitag und Sultana will mit Maxi reden. Sie erklärt ihr, dass es nur nett von ihr gemeint war, dass sie so direkt die Tassenproblematik anspricht. Andere ärgern sich ja hinter Maxis Rücken über die Tassenokkupation und das wär doch blöd. Wer? Sarah, zum Beispiel. Aha.
Die Leute sind heute auffällig nett zu uns, machen aber auch auffällig Stimmung gegen Sarah. So sehr wir auch selbst gegen diese Dame aufgebracht sind, dieses hinterhältige Tauziehen will uns auch nicht gefallen. Jetzt wo Sarah mal nicht da ist, trauen sich diese Duckmäuser plötzlich, ihren Namen abfällig in den Mund zu nehmen. Das kann es ja jetzt auch nicht sein. Also fällt der Beschluss: Raushalten. Zu allen nett sein. Bloß nicht mit reinziehen lassen.
Nach der Schlafenszeit ist Georges Abschiedsfeier, denn der verlässt mit Schwester Natalie den Kindergarten. Er tut uns leid, denn wirklich traurig ist über den Abschied niemand. George ist schlau, phantasievoll, und ein Quatschfass. Durch letzteres hat er sich unbeliebt gemacht und Aishling verhehlt nicht, wie froh sie ist,dass er geht. Das finden wir gemein und auch wenn ich Aishling sonst gern habe, ist das das Letzte. Ich umarme George zum Abschied und sage ihm, wie sehr ich mich freue, dass ich ihn kennenlernen durfte. Er grinst verlegen.
Am Nachmittag schlendere ich die Camden Street hoch, ich will die Mädels bei ihren Gasteltern besuchen. Jessica, Maxi und auch Hauke wohnen nämlich alle im selben Haus. Wobei jetzt Hauke natürlich keines von den Mädels ist...
Wie dem auch sei, Jessica holt mich beim TESCO Markt ab, wir kaufen noch Cider für alle und dann stehe ich in einem edel, wenn auch steril eingerichteten Haus und schüttle einer blonden, leicht abgekämpft drei schauenden Irin die Hand. Die will die Komplimente zur Einrichtung gar nicht so recht hören und ist, auch wenn sie es sich nicht anmerken lässt, auch von meiner Ankunft gar nicht recht begeistert, denn Jessica hatte es versäumt, mich rechtzeitig anzukündigen - Ups.
Wir essen Pizza und verkrümeln uns dann in Jessicas Zimmer, wo wir stundenlang über Gott und die Welt quatschen. Es wird Abend, es wird dunkel, es wird Nacht, es wird sehr, sehr spät. In mystische, weltanschauliche, aber auch alltägliche Themen sind wir verstrickt, als plötzlich, kurz vor zwölf, die Gastmutter im Zimmer steht und mich bittet, jetzt zu gehen, es schlafen schon alle. Ich entschuldige mich fix und entfleuche, das abrupte Ende des Abends macht mir aber gar nichts aus. Auf dem Rückweg fotografiere ich noch das umnachtete Dublin und summe vor mich hin.
Zurück im Hostel belagern neue Gäste das Zimmer, sie räumen gerade ihre Taschen aus und sind aus Deutschland. Dortmund, um genau zu sein. Viel rede ich nicht mehr mit ihnen, nur kurz bevor ich ins Bad gehe, gibt es noch einen lustigen Moment.
Ich schalte gerade das Licht an, da schaut mich eines der Mädchen verzweifelt an und fragt:
"Gibt es hier Schränke, die ich übersehe?"
Ich lache auf: "Willkommen im Hostel Camden Hall!"
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Rätselauflösung "Überraschungsfotografen..."
1) Schaltjahrkind! Der zehnjährige hatte erst zehn offizielle Geburtstage, ist aber schon so an die vierzig
2) zwei Beine, weil alle Säugetiere zwee Beene und zwee Arme haben (doof, I know)
3)Geburtshaus (wenn keene Väter mitkommen)
4)Drei
Freitag, 19. August 2011
Halt bloß die Klappe, Mädel
Aishling schaut mich verstört an und ich begreife: Wenn du Probleme hast, geh zum Therapeuten, aber fang bloß kein konstruktives Gespräch an. Nicht in Irland. Nicht in diesem Kindergarten.
Ich habe ihr gerade in der Küche anvertraut, dass ich das Gefühl habe, dass einige Mitarbeiter nicht ganz mit unserer Präsenz einverstanden sind und das wir das Gefühl haben, etwas falsch zu machen. Wie bitte? Nein. Meinen wir damit etwa sie? Sie weiß jetzt wirklich nicht, was ich meine. Nein, nein. Studenten sind hier immer willkommen. Die Leute haben vielleicht nur einen schlechten Tag. Aber nein, niemand hat etwas gegen uns. Wer soll denn das sein? Sie ja wohl nicht. Nee, nee.
Leise präzisiere ich: "Es ist Sarah." Aishling rollt die Augen. "Also, Sarah ist schwanger und nicht mehr lange da...", murmelt sie und ihr Blick sagt: Halt bloß die Klappe, Mädel. Du hast ja keine Ahnung.
Wir verlassen die Creche und Maxi, die Zeuge des Gesprächs geworden ist, meint nur: "So typisch. Oh, mein Gott, was erzählst du mir da!" Es ist die Standard Reaktion, die ich da abgefangen habe. So sind nun mal die Regeln:
1. Kratz ja nicht an der Illusion, dass hier alle zufrieden und glücklich sind.
2. Manche Dinge sind unaussprechlich.
"Was unterhalb vom Bauch und oberhalb vom Hals ist, das wird hier nicht angesprochen."
Uns soll's egal sein, denn wir haben den Nachmittag frei bekommen, weil wir in die Oper gehen. In die Oper? So mit richtig schick anziehen und allem drum und dran? Nee. Wir gehen in die "Opera in the Open" , eine kostenlose Open Air Veranstaltung, die an jedem Donnerstag im August stattfindet. Heute wird eine stark komprimierte Version von "Dido & Aeneas" gezeigt, zu Beginn erklärt man uns schnell die an den Haaren herbeigezogene Handlung, dann geht es los. In minimaler Besetzung wird fein gesungen. Jessica und Maxi waren noch nie in der Oper und sind von ihrem Erstkontakt auch nicht besonders begeistert. Auch ich hadere, zwar ist die Gratisoper eine schöne Idee, aber Purcells Musik nicht wirklich mein Fall. Ich ärgere mich, dass ich "Carmen" und "Tosca" verpasst habe, die die Donnerstage zuvor liefen. Nächste Woche gäbe es "Figaro", ob wir da noch mal frei bekommen? Trotz allem ist die Inszenierung ganz hübsch und die Mädels freuen sich, wenn auch nicht so sehr über die Oper an sich, aber zumindest über den Status: In der Oper in Dublin gewesen. "Richtig nett", sagt Maxi und bei ihr ist dieser Satz, leicht berlinert, ein Gütesiegel erster Klasse.
Wir begeben uns in den Avoca Shop, der so schön und so teuer ist, dass man ganz traurig werden muss, wenn man kein Geld für solch liebenswerten Luxus hat. Gerade ein kleines, wunderschönes Notizbuch kann ich mir leisten, der Rest verschließt sich meiner Kaufkraft.
Eigentlich wollte ich mit den Mädels heute mitgehen, mir mal anschauen, wo sie hausen. Dann bin aber doch so unglaublich müde, dass wir das auf Freitag verschieben. Ich gehe ins Hostel und schlafe durch von vier bis acht. Das ist nicht ganz unbegründet, denn ein Kratzen in meinem Hals deutet mir an: Du könntest krank werden, Madame.
Als ich um acht erwache, habe ich eine neue Zimmergenossin bekommen. Sie heißt Laurena und ist aus Chile. Sie liebt die deutsche Sprache und ich, so meint sie, wäre die erste Deutsche die sie trifft, die Deutsch auch für eine schöne Sprache hält. "Sonst schauen mich die Deutsche immer komisch an: WAS, du findest unsere Sprache schön? Aber die ist doch so abgehackt und unförmig!" Jaja, die Deutschen.
Laurena erzählt mir von England. Da war sie schon und hat unglaublich viele Single Mothers mit ihren Kindern gesehen. Das hat sie gewundert, bis es ein Freund ihr erklärte: In England bekommt man wohl als Single Mom so eine gute finanzielle Unterstützung vom Staat, dass viele Frauen sich direkt ein Kind anschaffen, um ihre soziale Lage zu verbessern. Dementsprechend wird dann auch mit dem Kind umgegangen. Unfassbar. "Für jedes gute Gesetz, dass die Regierung verabschiedet, gibt es Leute, die es ausnutzen. Wundert es einen dann noch, dass die guten Gesetze aussterben?"
Wir unterhalten uns bis weit nach Mitternacht. Über Chile, über die Iren, über Jobs, Deutschland und Filme. Laurena ist Fan von Daniel Brühl, überhaupt Fan von deutschen Filmen. Sie erzählt mir stolz, dass sie "Goodbye, Lenin!" gesehen hat. Ich bin beeindruckt. Aber dann wird es doch langsam zu spät und zu kalt, ich springe unter meine Bettdecke und rolle mich, einem Igel gleich, zusammen. Was man doch hier immer für Menschen trifft. Und was die alle so machen. Erstaunlich.
Ich habe ihr gerade in der Küche anvertraut, dass ich das Gefühl habe, dass einige Mitarbeiter nicht ganz mit unserer Präsenz einverstanden sind und das wir das Gefühl haben, etwas falsch zu machen. Wie bitte? Nein. Meinen wir damit etwa sie? Sie weiß jetzt wirklich nicht, was ich meine. Nein, nein. Studenten sind hier immer willkommen. Die Leute haben vielleicht nur einen schlechten Tag. Aber nein, niemand hat etwas gegen uns. Wer soll denn das sein? Sie ja wohl nicht. Nee, nee.
Leise präzisiere ich: "Es ist Sarah." Aishling rollt die Augen. "Also, Sarah ist schwanger und nicht mehr lange da...", murmelt sie und ihr Blick sagt: Halt bloß die Klappe, Mädel. Du hast ja keine Ahnung.
Wir verlassen die Creche und Maxi, die Zeuge des Gesprächs geworden ist, meint nur: "So typisch. Oh, mein Gott, was erzählst du mir da!" Es ist die Standard Reaktion, die ich da abgefangen habe. So sind nun mal die Regeln:
1. Kratz ja nicht an der Illusion, dass hier alle zufrieden und glücklich sind.
2. Manche Dinge sind unaussprechlich.
"Was unterhalb vom Bauch und oberhalb vom Hals ist, das wird hier nicht angesprochen."
Uns soll's egal sein, denn wir haben den Nachmittag frei bekommen, weil wir in die Oper gehen. In die Oper? So mit richtig schick anziehen und allem drum und dran? Nee. Wir gehen in die "Opera in the Open" , eine kostenlose Open Air Veranstaltung, die an jedem Donnerstag im August stattfindet. Heute wird eine stark komprimierte Version von "Dido & Aeneas" gezeigt, zu Beginn erklärt man uns schnell die an den Haaren herbeigezogene Handlung, dann geht es los. In minimaler Besetzung wird fein gesungen. Jessica und Maxi waren noch nie in der Oper und sind von ihrem Erstkontakt auch nicht besonders begeistert. Auch ich hadere, zwar ist die Gratisoper eine schöne Idee, aber Purcells Musik nicht wirklich mein Fall. Ich ärgere mich, dass ich "Carmen" und "Tosca" verpasst habe, die die Donnerstage zuvor liefen. Nächste Woche gäbe es "Figaro", ob wir da noch mal frei bekommen? Trotz allem ist die Inszenierung ganz hübsch und die Mädels freuen sich, wenn auch nicht so sehr über die Oper an sich, aber zumindest über den Status: In der Oper in Dublin gewesen. "Richtig nett", sagt Maxi und bei ihr ist dieser Satz, leicht berlinert, ein Gütesiegel erster Klasse.
Wir begeben uns in den Avoca Shop, der so schön und so teuer ist, dass man ganz traurig werden muss, wenn man kein Geld für solch liebenswerten Luxus hat. Gerade ein kleines, wunderschönes Notizbuch kann ich mir leisten, der Rest verschließt sich meiner Kaufkraft.
Eigentlich wollte ich mit den Mädels heute mitgehen, mir mal anschauen, wo sie hausen. Dann bin aber doch so unglaublich müde, dass wir das auf Freitag verschieben. Ich gehe ins Hostel und schlafe durch von vier bis acht. Das ist nicht ganz unbegründet, denn ein Kratzen in meinem Hals deutet mir an: Du könntest krank werden, Madame.
Als ich um acht erwache, habe ich eine neue Zimmergenossin bekommen. Sie heißt Laurena und ist aus Chile. Sie liebt die deutsche Sprache und ich, so meint sie, wäre die erste Deutsche die sie trifft, die Deutsch auch für eine schöne Sprache hält. "Sonst schauen mich die Deutsche immer komisch an: WAS, du findest unsere Sprache schön? Aber die ist doch so abgehackt und unförmig!" Jaja, die Deutschen.
Laurena erzählt mir von England. Da war sie schon und hat unglaublich viele Single Mothers mit ihren Kindern gesehen. Das hat sie gewundert, bis es ein Freund ihr erklärte: In England bekommt man wohl als Single Mom so eine gute finanzielle Unterstützung vom Staat, dass viele Frauen sich direkt ein Kind anschaffen, um ihre soziale Lage zu verbessern. Dementsprechend wird dann auch mit dem Kind umgegangen. Unfassbar. "Für jedes gute Gesetz, dass die Regierung verabschiedet, gibt es Leute, die es ausnutzen. Wundert es einen dann noch, dass die guten Gesetze aussterben?"
Wir unterhalten uns bis weit nach Mitternacht. Über Chile, über die Iren, über Jobs, Deutschland und Filme. Laurena ist Fan von Daniel Brühl, überhaupt Fan von deutschen Filmen. Sie erzählt mir stolz, dass sie "Goodbye, Lenin!" gesehen hat. Ich bin beeindruckt. Aber dann wird es doch langsam zu spät und zu kalt, ich springe unter meine Bettdecke und rolle mich, einem Igel gleich, zusammen. Was man doch hier immer für Menschen trifft. Und was die alle so machen. Erstaunlich.
Donnerstag, 18. August 2011
Bloody Fucking Bastard
Mein Zimmer ist fast leer. Die Östereicherinnen haben sich über Nacht verabschiedet, die Kroatinnen sind am Vorabend geflogen, die deutschen Mädels waren sowieso nur eine Nacht da. Nur die "Cheerleederin" ist noch , ein deutsches Mädchen, das immer mal wieder im Hotel eincheckt. Ich habe sie schon an meinem ersten Abend hier gesehen, aber noch nie viel mit ihr gesprochen. Sie ist die "Cheerleaderin", weil sie eines von diesen Mädchen ist, die überall wo sie hinkommen sofort einen hohen Beliebtheitsgrad haben und so kennt sie schnell alle Hostelgäste, geht mit Franzosen und Brasilianern feiern, wechselt sogar mit Quasimodo dann und wann nette Worte. Klassisches Cheerleader Schema. Lange konnte ich mich diesem Trend verweigern, aber jetzt ist sie die Einzige, die außer mir das Zimmer bewohnt.
Ich liege auf meinem Bett und lese, da kommt sie herein, hält mir eine Postkarte vor die Nase, "Warten auf einen Bus in Irland":
Da hat sie mich, ich lache mich halbtot. Wir unterhalten uns über die chaotischen Busfahrpläne, überlegen, ob es hier vielleicht ein Angebot namens "Busfahrer sein für einen Tag" gibt, dass in Dublin gerne genutzt wird und das beinhaltet, dass man sich in einen Bus schwingt und irgendeine Route abfährt, wie es einem gefällt. Wie können die Busse immer zu spät sein, wenn die nicht mal an jeder Haltestelle halten müssen? Wann fahren die los? Wo fahren die los?
Die Cheerleaderin heißt Kati und sie hat schon einiges durch in Irland. Sie weiß auch, warum die Brasilianer, Portugiesen, warum alle diese Langzeitgäste hier sind. Die suchen nach Arbeit und Irlands Visum bekommt man leicht und für weniger Geld als in anderen Ländern Europas. Aber da es hier keine Jobs gibt und das Essen so teuer ist, macht das trotzdem nicht viel Sinn. Die verfolgen aber generell eine andere Logik, meint Kati. Ein Brasilianer den sie kennt, will einen Kellnerjob nicht annehmen, weil er der Meinung ist, da könne er nicht viel Englisch reden üben. Den ganzen Abend hat sie das mit ihm diskutiert, aber nein, Kellner reden nicht. Sie ist aus Berlin, hat schon im Adlon gekellnert und teilt meine Meinung: Hotel? Nie wieder. "Das ist auch überall das gleiche. Ich hab mal in England in einem Hotel gejobbt, da musste jeder am Abend seinen Besteckkasten tiptop haben und eine bestimmte Passage des Saals saugen, bevor es heim gehen konnte. Und statt ihr Besteck zu polieren, klauen sie sich gegenseitig das polierte Besteck aus dem Kasten und verstecken den Staubsauger, damit sie ihren Teil als erstes saugen und eher heimgehen können. Die lassen auch gleich an der Grenze ihres Eckchens den Staubsauger fallen und gehen. Da geht's um fünf Minuten. Wo ist denn das noch ein Team?"
Auch an Hostels hat sie schon einiges gesehen, sie rät ab vom "Shining", da wären die Duschen auf einem anderen Stockwerk als das Zimmer und auch noch so knapp bemessen, dass man echt keinen Keks zuviel gegessen haben sollte, um noch reinzupassen. Abgesehen davon: Drei Duschen für den ganzen Flur.
Was ich denn so mache? Wie das so ist? Hm.
Der Kindergarten im Kindergarten ist mittlerweile meine Beschreibung der Tätigkeit, der ich nachgehe. Wir haben am Morgen versucht, mit den Kindern Schwamm - und Stahlwollmalereien anzufertigen. Das ist uns auch gelungen, wurde aber von den anderen Betreuern als verschwenderisches Gematsche wahrgenommen.
Zugegebenermaßen waren die Bilder nachdem die Kinder entdeckt hatten, dass sie alle Farben miteinander verrühren können, zunehmend zu einer Interpretationsreihe zum Thema "Wider shades of black" geworden, aber die Kinder hatten Spaß und auch mal so was wie eine individuelle Idee hinter ihrem Bild.
Tja, da treffen dann eben die prozessorientierten Deutschen auf die produktorientierten Iren.
Am Abend wird mir klar, wie schön zuhause alle mitlesen. Meine Lieblingsnachbarin schreibt mir: "Sarah, bloody fucking bastard!" Ich freu mich. Auch während der Skypekonferenz mit Alex und Beka bekomme ich schöne Aufheiterungen zugesandt:
Ich liege auf meinem Bett und lese, da kommt sie herein, hält mir eine Postkarte vor die Nase, "Warten auf einen Bus in Irland":
Da hat sie mich, ich lache mich halbtot. Wir unterhalten uns über die chaotischen Busfahrpläne, überlegen, ob es hier vielleicht ein Angebot namens "Busfahrer sein für einen Tag" gibt, dass in Dublin gerne genutzt wird und das beinhaltet, dass man sich in einen Bus schwingt und irgendeine Route abfährt, wie es einem gefällt. Wie können die Busse immer zu spät sein, wenn die nicht mal an jeder Haltestelle halten müssen? Wann fahren die los? Wo fahren die los?
Die Cheerleaderin heißt Kati und sie hat schon einiges durch in Irland. Sie weiß auch, warum die Brasilianer, Portugiesen, warum alle diese Langzeitgäste hier sind. Die suchen nach Arbeit und Irlands Visum bekommt man leicht und für weniger Geld als in anderen Ländern Europas. Aber da es hier keine Jobs gibt und das Essen so teuer ist, macht das trotzdem nicht viel Sinn. Die verfolgen aber generell eine andere Logik, meint Kati. Ein Brasilianer den sie kennt, will einen Kellnerjob nicht annehmen, weil er der Meinung ist, da könne er nicht viel Englisch reden üben. Den ganzen Abend hat sie das mit ihm diskutiert, aber nein, Kellner reden nicht. Sie ist aus Berlin, hat schon im Adlon gekellnert und teilt meine Meinung: Hotel? Nie wieder. "Das ist auch überall das gleiche. Ich hab mal in England in einem Hotel gejobbt, da musste jeder am Abend seinen Besteckkasten tiptop haben und eine bestimmte Passage des Saals saugen, bevor es heim gehen konnte. Und statt ihr Besteck zu polieren, klauen sie sich gegenseitig das polierte Besteck aus dem Kasten und verstecken den Staubsauger, damit sie ihren Teil als erstes saugen und eher heimgehen können. Die lassen auch gleich an der Grenze ihres Eckchens den Staubsauger fallen und gehen. Da geht's um fünf Minuten. Wo ist denn das noch ein Team?"
Auch an Hostels hat sie schon einiges gesehen, sie rät ab vom "Shining", da wären die Duschen auf einem anderen Stockwerk als das Zimmer und auch noch so knapp bemessen, dass man echt keinen Keks zuviel gegessen haben sollte, um noch reinzupassen. Abgesehen davon: Drei Duschen für den ganzen Flur.
Was ich denn so mache? Wie das so ist? Hm.
Der Kindergarten im Kindergarten ist mittlerweile meine Beschreibung der Tätigkeit, der ich nachgehe. Wir haben am Morgen versucht, mit den Kindern Schwamm - und Stahlwollmalereien anzufertigen. Das ist uns auch gelungen, wurde aber von den anderen Betreuern als verschwenderisches Gematsche wahrgenommen.
Zugegebenermaßen waren die Bilder nachdem die Kinder entdeckt hatten, dass sie alle Farben miteinander verrühren können, zunehmend zu einer Interpretationsreihe zum Thema "Wider shades of black" geworden, aber die Kinder hatten Spaß und auch mal so was wie eine individuelle Idee hinter ihrem Bild.
Tja, da treffen dann eben die prozessorientierten Deutschen auf die produktorientierten Iren.
Am Abend wird mir klar, wie schön zuhause alle mitlesen. Meine Lieblingsnachbarin schreibt mir: "Sarah, bloody fucking bastard!" Ich freu mich. Auch während der Skypekonferenz mit Alex und Beka bekomme ich schöne Aufheiterungen zugesandt:
'nuff said.
Mittwoch, 17. August 2011
Schweine in Irland gehen links im Pub pissen
Vier Freunde sitzen mit uns an der Liffey, vier Freunde, die ihren Ursprung in einer Art Apfelsaft haben, vier Freunde, die wir gerade bei Marks & Spencers, dem schönsten Lebensmittelladen der Welt, erworben haben. An der Liffey ist es schön.
Wir reden über die Creche, über die Gasteltern von Maxi und Jessica, über dieses, über jenes. Es ist "das wahre Get-to-know-each-other", dass wir hier vollführen und zu einem solchen muss man immer etwas Alkohol trinken, auch wenn das in der Dubliner Öffentlichkeit gar nicht gern gesehen ist.
Eigentlich wollten wir Wolle kaufen. Ich hatte Alice gebeten, uns mehr Verantwortung in der Creche zu geben und sie hat prompt gemeint, wir könnten uns an der Vormittagsgestaltung beteiligen, so wie Maxi das schon immer gemacht hat. Also wollen wir Wollebilder mit den Kindern kleben. Der Wolleladen hat aber zu, deshalb sind wir auf der Suche nach Alternativen durch die Läden gestreift und haben jetzt Schwämme, Stahlwolle und kleine Saugnapfgebilde besorgt, mit denen die Kinder dann morgen in der Farbe rumpatschen können um ihre Bilder zu gestalten.
Danach war uns nach Cider, danach war uns nach Sitzen und so strandeten wir an der Liffey mit dem festen Entschluss, mal eben den assozialen Touristen zu geben - mit der Dose in der Hand sitzen wir also da und regen uns über unseren Arbeitsplatz auf. Dort bekommen wir nämlich langsam dumme Blicke und Bemerkungen vor den Latz und das geht nun echt zu weit. Als unbezahlte Arbeitskraft muss man sich ja auch nicht alles gefallen lassen. Da aber die Iren nie sagen, was ihnen nicht passt, sondern immer nur ihr Gesicht verrät, ob überhaupt etwas im Argen ist, hat man überhaupt keine Chance, mal zu einer Konfliktlösung zu kommen. Also, was tun? Überhaupt was tun? Wir wissen es nicht.
Trotzdem lassen wir uns die Laune nicht verderben, bald ist das Thema erschöpft und wir reden von wichtigeren Dingen. Buchtiteln zum Beispiel. Ob ich meinen Blog ausdrucken, zum Buch binden und unter dem Titel "Schweine in Irland gehen links im Pub pissen" nennen soll? Die Schweine sind wir und links in den Pub gehen wir auch fast, dann erscheinen uns die Toiletten im Burger King aber attraktiver. Dort verlieren wir auch gleich unsere "Assozialer Tourist"-Medaille, denn die aufgedonnerten Mädels, die betrunken die Treppe raufklettern, die schlagen uns um Längen. Schade.
Gegen neun komme ich zurück ins Hostel und stelle fest, dass ich die Kroatinnen, die ihr Gepäck abholen wollten, vollkommen vergessen habe. Das war aber wohl kein Problem, weil die Österreicherinnen da waren und sie hereingelassen haben. Glück gehabt.
Die Dusche gibt Wasser, und das ist nicht selbstverständlich, denn am Tag zu vor war das ganze Hostel einmal wasserfrei. Deshalb fange ich auch gar nicht erst das Klagen an, weil das Wasser nur lauwarm zu haben ist, die vorhergegangene Entbehrung hat mich das Wenige zu schätzen gelehrt.
Und auch die Spinne, die ich am Vortag in der Duschwanne gefunden habe, konnte ich erfolgreich ersäufen.
Das ist doch mal was.
Positiv denken.
Wir reden über die Creche, über die Gasteltern von Maxi und Jessica, über dieses, über jenes. Es ist "das wahre Get-to-know-each-other", dass wir hier vollführen und zu einem solchen muss man immer etwas Alkohol trinken, auch wenn das in der Dubliner Öffentlichkeit gar nicht gern gesehen ist.
Eigentlich wollten wir Wolle kaufen. Ich hatte Alice gebeten, uns mehr Verantwortung in der Creche zu geben und sie hat prompt gemeint, wir könnten uns an der Vormittagsgestaltung beteiligen, so wie Maxi das schon immer gemacht hat. Also wollen wir Wollebilder mit den Kindern kleben. Der Wolleladen hat aber zu, deshalb sind wir auf der Suche nach Alternativen durch die Läden gestreift und haben jetzt Schwämme, Stahlwolle und kleine Saugnapfgebilde besorgt, mit denen die Kinder dann morgen in der Farbe rumpatschen können um ihre Bilder zu gestalten.
Danach war uns nach Cider, danach war uns nach Sitzen und so strandeten wir an der Liffey mit dem festen Entschluss, mal eben den assozialen Touristen zu geben - mit der Dose in der Hand sitzen wir also da und regen uns über unseren Arbeitsplatz auf. Dort bekommen wir nämlich langsam dumme Blicke und Bemerkungen vor den Latz und das geht nun echt zu weit. Als unbezahlte Arbeitskraft muss man sich ja auch nicht alles gefallen lassen. Da aber die Iren nie sagen, was ihnen nicht passt, sondern immer nur ihr Gesicht verrät, ob überhaupt etwas im Argen ist, hat man überhaupt keine Chance, mal zu einer Konfliktlösung zu kommen. Also, was tun? Überhaupt was tun? Wir wissen es nicht.
Trotzdem lassen wir uns die Laune nicht verderben, bald ist das Thema erschöpft und wir reden von wichtigeren Dingen. Buchtiteln zum Beispiel. Ob ich meinen Blog ausdrucken, zum Buch binden und unter dem Titel "Schweine in Irland gehen links im Pub pissen" nennen soll? Die Schweine sind wir und links in den Pub gehen wir auch fast, dann erscheinen uns die Toiletten im Burger King aber attraktiver. Dort verlieren wir auch gleich unsere "Assozialer Tourist"-Medaille, denn die aufgedonnerten Mädels, die betrunken die Treppe raufklettern, die schlagen uns um Längen. Schade.
Gegen neun komme ich zurück ins Hostel und stelle fest, dass ich die Kroatinnen, die ihr Gepäck abholen wollten, vollkommen vergessen habe. Das war aber wohl kein Problem, weil die Österreicherinnen da waren und sie hereingelassen haben. Glück gehabt.
Die Dusche gibt Wasser, und das ist nicht selbstverständlich, denn am Tag zu vor war das ganze Hostel einmal wasserfrei. Deshalb fange ich auch gar nicht erst das Klagen an, weil das Wasser nur lauwarm zu haben ist, die vorhergegangene Entbehrung hat mich das Wenige zu schätzen gelehrt.
Und auch die Spinne, die ich am Vortag in der Duschwanne gefunden habe, konnte ich erfolgreich ersäufen.
Das ist doch mal was.
Positiv denken.
Dienstag, 16. August 2011
Manic Mondays
Langsam kommt Routine in die Wochentage und es ist nicht unbedingt eine gute. Außer Aishling besteht wenig Motivation, uns in den Alltag zu integrieren. Aber wir bekommen Verstärkung: Maxi.
Die dritte Deutsche im Bunde ist ausgebildete Erzieherin und war schon eine Weile da, bevor wir kamen. Dann hat sie Urlaub gemacht und jetzt ist sie zurück um uns wach zu schütteln - der Kindergarten ist unmöglich, erklärt sie uns und berichtet uns in schillernden Farben von ihrer Erfahrung mit Kindertagesstätten. Ohne Drill und böse Worte geht das wohl auch, das ist der Kernpunkt ihrer Erzählungen.
Warum dürfen die Kinder sich kein Buch nehmen, wann sie wollen? Warum müssen sie zur Mittagszeit zwei Stunden vor dem Fernseher sitzen? Die Themen, an denen wir bereits zu kratzen wagten, reißt sie für uns komplett auseinander. Und Sarah? Die ignoriert uns alle.
Es ist ganz schön was im Busch in der glücklichen Kindergarten Community, das wird jetzt auch der letzten Gehirnzelle klar. Aber was soll man da machen? Richtig, eine German Force installieren. Wir beschließen, uns in Zukun´ft einfach nicht mehr aus dem Konzept bringen zu lassen. Wenn uns demnächst wer in den Rücken fällt, dann wird sich mal gewehrt - Immerhin sind wir jetzt auch schon zu dritt.
Das irritiert die irische Belegschaft zum Teil auch sehr, so langsam wird hinter unseren Rücken etwas Stimmung gemacht, sei es wegen fünf Minuten, die es eher in die Mittagspause geht, oder weil wir uns dann und wann auf Deutsch unterhalten. Könnte ja sein, dass wir da über sie alle reden. Das tun wir auch, und zwar ausgiebig in der Mittagspause, die wir im Iveagh Garden verbringen. Wir machen uns gegenseitig Mut.
Zurück im Hostel ist mir etwas elend, meine Beine fühlen sich weich an und Kopfschmerzen beginnen, an meinem Seelenzustand zu nagen. Ich wandere erst mal in den ALDI, um einen 10 Tagesvorrat Instant Noodles zu besorgen. Die sind billig und low fat, die perfekte Ernährung für ein Hostelkind. Am Abend treffe ich ein deutsches Mädchen, dass hin uns wieder hier eincheckt, dann wieder verschwindet um wenige Tage später wieder aufzutauchen. Was sie hier macht? Sie hat ihr Diplom fertig und drei Monate nichts zu tun. Reisen, mal hierhin, mal dorthin, jetzt bald wieder heim, dann gleich wieder los. Sie empfiehlt mir das "Abrahams" ein weitaus angenehmeres Hostel für den September. Früchte und Joghurt zum Frühstück, nicht immer nur Toast und Marmelade. Mehr Ruhe. Größere Räume. Sauber. Und das zum selben Preis. Ich schreibe mir sofort den Namen auf.
Dann versinke ich wieder im Internet und beobachte nur schmunzelnd aus den Augenwinkeln, wie Quasimodo dem other German Girl seine Visitenkarte überreicht. So was aber auch. Sie bedankt sich ganz lieb.
Im Zimmer sind zwei Kroatinnen, die in Irland Freiwilligendienst geleistet haben - dafür waren Kost und Unterkunft frei. Wir unterhalten uns über Cultural Shocks und die schönsten Städte Europas - was ich für die schönste halte? "Munich!", antworte ich prompt. "Nicht Berlin?", fragen sie. "Auf gar keinen Fall." Wir reden auch über die Iren und unsere Feststellung, dass die zwar alle nett sind, aber einem auch nie jemand sagt, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Probleme werden nicht thematisiert, das ist hier nicht so üblich. Und das Kinderlied "Wenn du glücklich bist, dann klatsche in die Hand" gibt es hier auch, doch während in der deutschen Version alle möglichen Emotionen durchgegangen werden, ist es in der irischen Variante nur das happy sein, das man zum Ausdruck bringt. Den Kroatinnen ist es auch schon aufgefallen: "Man sieht denen oft an, das etwas nicht stimmt, aber wenn man nachfragt heißt es, nein, alles in Ordnung, alles kein Problem. Das ist verwirrend."
Sie fragen mich, ob ich am nächsten Tag gegen acht Uhr da bin, sie müssen elf Uhr auschecken, würden aber gerne ihr Gepäck noch eine Weile da lassen. Ja, klar, warum nicht.
Ich verbringe den Abend damit, mein Zweithandy zu konfigurieren, das erste hat seinen Geist aufgegeben.
Dann kann ich endlich schlafen gehen.
Die dritte Deutsche im Bunde ist ausgebildete Erzieherin und war schon eine Weile da, bevor wir kamen. Dann hat sie Urlaub gemacht und jetzt ist sie zurück um uns wach zu schütteln - der Kindergarten ist unmöglich, erklärt sie uns und berichtet uns in schillernden Farben von ihrer Erfahrung mit Kindertagesstätten. Ohne Drill und böse Worte geht das wohl auch, das ist der Kernpunkt ihrer Erzählungen.
Warum dürfen die Kinder sich kein Buch nehmen, wann sie wollen? Warum müssen sie zur Mittagszeit zwei Stunden vor dem Fernseher sitzen? Die Themen, an denen wir bereits zu kratzen wagten, reißt sie für uns komplett auseinander. Und Sarah? Die ignoriert uns alle.
Es ist ganz schön was im Busch in der glücklichen Kindergarten Community, das wird jetzt auch der letzten Gehirnzelle klar. Aber was soll man da machen? Richtig, eine German Force installieren. Wir beschließen, uns in Zukun´ft einfach nicht mehr aus dem Konzept bringen zu lassen. Wenn uns demnächst wer in den Rücken fällt, dann wird sich mal gewehrt - Immerhin sind wir jetzt auch schon zu dritt.
Das irritiert die irische Belegschaft zum Teil auch sehr, so langsam wird hinter unseren Rücken etwas Stimmung gemacht, sei es wegen fünf Minuten, die es eher in die Mittagspause geht, oder weil wir uns dann und wann auf Deutsch unterhalten. Könnte ja sein, dass wir da über sie alle reden. Das tun wir auch, und zwar ausgiebig in der Mittagspause, die wir im Iveagh Garden verbringen. Wir machen uns gegenseitig Mut.
Zurück im Hostel ist mir etwas elend, meine Beine fühlen sich weich an und Kopfschmerzen beginnen, an meinem Seelenzustand zu nagen. Ich wandere erst mal in den ALDI, um einen 10 Tagesvorrat Instant Noodles zu besorgen. Die sind billig und low fat, die perfekte Ernährung für ein Hostelkind. Am Abend treffe ich ein deutsches Mädchen, dass hin uns wieder hier eincheckt, dann wieder verschwindet um wenige Tage später wieder aufzutauchen. Was sie hier macht? Sie hat ihr Diplom fertig und drei Monate nichts zu tun. Reisen, mal hierhin, mal dorthin, jetzt bald wieder heim, dann gleich wieder los. Sie empfiehlt mir das "Abrahams" ein weitaus angenehmeres Hostel für den September. Früchte und Joghurt zum Frühstück, nicht immer nur Toast und Marmelade. Mehr Ruhe. Größere Räume. Sauber. Und das zum selben Preis. Ich schreibe mir sofort den Namen auf.
Dann versinke ich wieder im Internet und beobachte nur schmunzelnd aus den Augenwinkeln, wie Quasimodo dem other German Girl seine Visitenkarte überreicht. So was aber auch. Sie bedankt sich ganz lieb.
Im Zimmer sind zwei Kroatinnen, die in Irland Freiwilligendienst geleistet haben - dafür waren Kost und Unterkunft frei. Wir unterhalten uns über Cultural Shocks und die schönsten Städte Europas - was ich für die schönste halte? "Munich!", antworte ich prompt. "Nicht Berlin?", fragen sie. "Auf gar keinen Fall." Wir reden auch über die Iren und unsere Feststellung, dass die zwar alle nett sind, aber einem auch nie jemand sagt, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Probleme werden nicht thematisiert, das ist hier nicht so üblich. Und das Kinderlied "Wenn du glücklich bist, dann klatsche in die Hand" gibt es hier auch, doch während in der deutschen Version alle möglichen Emotionen durchgegangen werden, ist es in der irischen Variante nur das happy sein, das man zum Ausdruck bringt. Den Kroatinnen ist es auch schon aufgefallen: "Man sieht denen oft an, das etwas nicht stimmt, aber wenn man nachfragt heißt es, nein, alles in Ordnung, alles kein Problem. Das ist verwirrend."
Sie fragen mich, ob ich am nächsten Tag gegen acht Uhr da bin, sie müssen elf Uhr auschecken, würden aber gerne ihr Gepäck noch eine Weile da lassen. Ja, klar, warum nicht.
Ich verbringe den Abend damit, mein Zweithandy zu konfigurieren, das erste hat seinen Geist aufgegeben.
Dann kann ich endlich schlafen gehen.
Montag, 15. August 2011
Überraschungsfotografen und Schafknutschexperten
Weeeeehooooo. Weeeeeehoooooo. Wiuwiuwuiui…
Die Alarmanlage des Butlers Chocolate Store will sich nicht beruhigen, der Grund dafür ist unklar und selbst wenn jemand versucht hätte, dort einzubrechen – derjenige könnte seelenruhig blockweise Schokolade entführen, denn es kommt niemand um nach dem Rechten zu schauen. Wir aber stehen auf der anderen Straßenseite und leiden unter dem Alarmsignal, denn wir warten auf den Bus nach Kilkenny und können nicht einfach davon gehen.
Ich bin mit Kollegin Jessica und deren Freund Hauke (original benannt nach Hauke Haien, sehr zu seinem Leidwesen) unterwegs, Glendalough und Kilkenny stehen auf dem Speiseplan, heute Abend soll das abgefrühstückt sein. Der Bus kommt und bewahrt uns vor einem Hörschaden. Unser Guide gleicht einem Professor für Archäologie, sein Haar ist weiß, seine Jacke blau, sein Englisch vernuschelt. „Wenn ihr ein Schaf küssen wolltet, wie würdet ihr das anstellen?“, will er von uns wissen. Keine Antwort. Er hat sich als Junge in die Wiese gelegt, die Schafe kamen um an ihm zu knabbern, deshalb sei er nun so ein guter Küsser. Seine leider verstorbene Ehefrau meinte, er wäre so ein guter Küsser, dass man ihn teilen sollte, wenn wir also Interesse hätten, wir wüssten ja, wo wir ihn finden. Mildes Gelächter.
Wir fahren ins Grüne und da geht uns das Herz auf, nach zwei Wochen Stadt pur tut es gut, mal wieder in der Natur zu sein. Hier sieht Irland aus, wie man es sich vorstellt: Blauer Himmel, grüne Wiesen, Schäfchenwolken und ihre irdischen Pendants.
Der erste Stop ist Glendalough, hier besichtigen wir einen großen See und laufen eine halbe Stunde bis zu den Ruinen einer Monastery. Hauke und Jessica klären mich über die Überraschungsfotos auf – man fotografiert einander ständig und möglichst unerwartet. So kommt man an authentisches Material. Jessica macht das nicht so viel Spaß wie Hauke, deshalb gibt es schlussendlich mehr Fotos von ihr als von Hauke. Ich dagegen sammle Motive von beiden ein.
Es geht weiter nach Kilkenny, eine niedliche, freundlich dreinschauende Stadt. Nach einer kleinen Tour mit dem Guide, der uns über die Black Abbey, das Castle und das Court House aufklärt, haben wir etwas, jedoch auch etwas zu wenig Zeit, um uns in der Stadt zu tummeln. Wir werfen einen Blick ins Innere der Black Abbey, laufen hoch zum Dom und finden uns dann in der Innenstadt wieder. Gerade noch schaffen wir es, einen Buchladen zu durchkämmen, dann müssen wir auch schon zurück. Der Bus fährt um 16 Uhr zurück nach Dublin.
Auf der Rückfahrt gibt es Ratespiele, die der geneigte Leser selbst lösen darf:
1. Mein ältester Sohn ist 10 Jahre alt, mein Jüngster 38. Warum?
2. Wie viele Beine hat ein Pferd?
3. Aus diesem Haus kommen immer doppelt so viele Menschen heraus, wie hinein gehen. Was ist es für ein Haus?
4. In einem dunklen Raum liegen zehn weiße und zehn rote Strümpfe. Wie viele Strümpfe muss man mindestens mit herausnehmen, um sicher zu gehen, dass man ein passendes Paar Strümpfe hat?
Viel Spaß schon mal damit.
Zurück in Dublin gehen wir auf die Suche nach einem Eisladen, doch wir finden etwas viel Besseres: Eclairs. Eclairs für 1,70, aber immerhin Eclairs. Ich kann es nicht fassen. Noch weniger kann ich es später fassen, dass es im ALDI für 2,99 eine Ben&Jerrys Kopie gibt. Cookie Dough. Keiks Teg. Die einzig wahre Eiscreme im 500 ml Becher.
Trotz all dieser schönen Dinge bekomme ich am Abend Heimweh. Aber ich beiße die Zähne zusammen.
Durchhalten.
Zur Not: Schafe küssen.
Hurling around
Samstag. Wochenende. Ausschlafen. Schön.
Der Tag beginnt um neu Uhr mit einem ausgiebigen Frühstück, einer langen Internetsession und dem Abschied von Isaidi. Der ist natürlich nicht so schön. Isaidi reist weiter nach Spanien und nach zwei Wochen mit ihr fühlt sich das an, als würde eine langjährige Freundin das Land verlassen. Sie wird gegen Elf von einem Freund abgeholt und ich winke ihr traurig nach.
Mein Plan: Croke Park Museum. Heute ist kein Spieltag, also ab in die Ausstellung. Ich bin zu geizig um den Bus zu bezahlen, also laufe ich die Strecke - mittlerweile sind meine Tageskilometer ziemlich hoch, den Bus nehme ich nur,w enn es zu wirklich entlegenen Plätzen geht und die Laufzeit sonst eine Stunde betragen würde.
Im Croke Park zahle ich 4,50 Euro statt 6 Euro, weil ich Student bin. Das geht auch mit einem deutsche Ausweis problemlos, eigentlich glauben sie es einem auch ohne jeglichen Beweis.
Also bin ich im Croke Park Museum und erforsche irische Sportarten. Und die gibt's wohl schon ziemlich lange, Zeitdokumente aus dem 18.Jahrhundert erwähnen bereits das Hurling, eine Art Hockey, nur komplett anders. Hier ist Sport nicht einfach nur Sport, es ist Politik, es ist Poesie, es ist Tradition. Gedichte über das Hurling hängen an der Wand, ein Film berichtet, wie der Krieg auf den Sport wirkte und wie irische Kriegsgefangene Footballteams im Gefängnis gründeten. Wann auch immer Irland okkupiert wurde, versuchten die Herrschenden, die Gaelic Sports zu verbieten, immer wieder haben sich die Iren vehement geweigert, ihre Spiele zu unterlassen.
Während der Unabhängigkeitskriege dann der Bloody Sunday, auch im Croke Park wird geschossen, vierzehn Menschen sterben.
Hurling, Gaelic Football, Handball, Camogie. Hier gibt es Einiges zu lesen für mich. Spielausschnitte aus den Championships der vergangenen Jahre werden gezeigt, der berühmteste Sportreporter wird in einem der Räume gewürdigt, an einem Panel kann man auf Knopfdruck die Highlights des Gaelic Football anschauen, geordnet nach Jahren oder Bezirken. Ich schaue mir die Meisterschaft von 1984 an.
Auch Triviales findet sich an den Seitenwänden, skurrile Geschichten aus der Welt des Gaelic Sport:
In einem unentschiedenen Hurlingspiel 1985 zerbarst der Ball, fünf Minuten vor Spielende. Niemand hatte einen Ersatz parat.
Meath war 1911 für 20 Minuten Meister, da der Gegner Kilkenny nicht aufgetaucht ist. Dann kamen sie aber doch noch an und rissen den Titel an sich. Pech für Meath.
Nach einem Unentschieden in der Meisterschaft ist ein Rückspiel als Entscheidungsspiel notwendig. Ein solches Rückspiel fand einmal 35 Jahre nach dem eigentlichen Meisterschaftsspiel statt - die Spieler waren Söhne der Spieler des ersten Spiels.
Einmal hat ein Schiedsrichter vergessen, einen Ball zu einem Match mitzubringen und im proppevollen Stadion war auch kein einziger Ball zu finden. Ein Zuschauer wurde in die Stadt geschickt, um einen Ball zu kaufen. Das auf 13 Uhr angesetzte Spiel wurde erst um 19 Uhr ausgetragen.
Ich erfahre etwas über die Helden, Spieler, die Unsummen von Medaillen und Pokalen gewonnen haben. Über Scór, einen irische Tanz - und Gesangswettbewerb, der ebenfalls von der GAA als Sport betrachtet und gefördert wird.
Und ich darf mich selbst beweisen. In einer Do-it-yourself Area kann man Hurlingbälle fangen, Balance üben, High Catches ausführen und gegen Torwände schießen oder auf Zielscheiben hurlen.
Ich bin eine Niete. Aber es macht Spaß.
Nach drei Stunden verlasse ich das Museum und fühle mich sehr schlau.
Nur eine Sache bekam ich leider nicht erklärt: Die genauen Spielregeln.
Die muss ich wohl daheim noch mal auf Wikipedia nachschlagen ...
Nur eine Sache bekam ich leider nicht erklärt: Die genauen Spielregeln.
Die muss ich wohl daheim noch mal auf Wikipedia nachschlagen ...
Freitag, 12. August 2011
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
"Halloha!", es klingt wie "Aloha!", ist ein beliebter Ausruf in der Creche. Immer wenn die Kinder sich gerade nicht sehr vorzeigbar verhalten, kommt ein "Halloha, lots!" im Sinne von "Sage mal, habt ihr noch alle Tassen im Schrank?" geschossen. Man gewöhnt es sich leicht an. Ich bin im Middle Room, Jessica und ich sollen uns nun immer abwechseln: Mal bei den M's, mal bei den Pre-M's. An und für sich ist das kein Problem, wenn es nicht so unglaublich langweilig wäre. Singen, spielen, Brei und Bettchen.
In der lunch break geht es zum Ausklang der Woche ins "Abrakebabra", wo die Preise für ein Mittagessen halbwegs vernünftig sind, dann noch mal bis drei in die Arbeit. Jessica hat neue Informationen aus der "Inneren", wir sind wohl nicht die einzigen, die mit Sarah nicht so ganz klar kommen. Außerdem beschließen wir, die Entwicklung der Kinder für uns ein wenig zu protokollieren, um einfach mal etwas Konkretes zu tun zu haben und weil uns es auch interessiert, was innerhalb von sechs bis acht Wochen so mit einem Kind geschieht.
Am Abend gehe ich mit Isaidi und Isabella zu einer Benefizveranstaltung "Reflections on Freedom". Es geht um Kindergefängnisse auf den Philippinen und darum , wie das "Praeda" Projekt die Kinder da raus holt und in therapeutischen Einrichtungen versorgt. Um dieses Projekt zu unterstützen, haben sich einige Künstler zusammen getan um einen Abend zu gestalten. Unterhaltung gibt es an diesem Abend kostenlos, die ausgestellten Bilder kann man aber kaufen. So weit, so gut.
Wir werden mit Wein begrüßt, und das begrüßen wir. Dann folgt jedoch ein Ansprachenmarathon, der sich gewaschen hat. Erst wird etwas über das Haus, dann über das Projekt, dann über das Land, dann... also es wird sehr viel über Vieles gesagt und ganze sechs Redner geben sich gegenseitig Mikro und Klinke in die Hand. Beim letzten Redner erlebe ich so etwas wie einen handfesten Schwächeanfall, vor meinen Augen dreht sich alles, auf den Ohren entsteht ein seltsamer Druck, mir wird etwas übel. Ich tauche ab, gehe in die Hocke und täusche vor, etwas aus meinem Rucksack zu holen, tatsächlich aber atme ich tief durch und warte ab, bis das Schwindelgefühl weg ist. Das dauert nur fünf Minuten, danach ist sowohl der Anfall als auch das Reden vorbei. Der Hammer kommt zum Schluss, jedes Bild kostet 250 Euro. Die Veranstaltung ist eröffnet.
Im Nebenraum beginnt eine Tanzveranstaltung, Isaidi hat Gott sei Dank Sitzplätze arrangiert und nun gehen auch Bruschettas und Käsestückchen herum. Da erhole ich mich prompt. Dann kommt der Tanz. Es ist eine Mischung aus heilendem Yoga und synergischem Tanz. Chakren haben wohl auch damit zu tun. Das Ganze findet in drei Liedern statt.
Zum ersten Lied wälzen sich die drei Tänzerinnen auf dem Boden wie Raupen, die einen Regenbogen verschluckt haben, sie tasten den Fußboden ab und strecken dabei ihren Po anmutig in die Höhe. Mich durchzuckt es kurz, aber nein, da darf man natürlich nicht lachen. Ich sitze immerhin in der ersten Reihe. So ernste Themen und dann diese Gymnastikstunde aus den 70ern, ihr wollt mich doch ärgern. Und wirklich werden die Raupen dann auch zu Schmetterlingen, schnüren sich farbige Tücher um die Hüfte und pflücken sich imaginäre Äpfel vom Baum. Nach einem Schwächeanfall muss ich jetzt also gegen einen Lachkrampf ankämpfen und wer mich gut kennt, weiß, wie schwer mir so etwas fällt. Aber ich obsiege.
Es geht weiter mit Gesang, Ansprachen, Poesie: Menschen, die nie eingesperrt waren, dichten über Freiheit, dementsprechend utopisch hallen nichtssagende Verse durch den Raum. Wir halten uns mit Wein und Bruschetta über Wasser, Isabella bringt es nach einem Applaus auf den Punkt: "I feel like in a wedding of people I don't know" (Ich fühle mich wie auf einer Hochzeit von Menschen, die ich nicht kenne). Wir haben dennoch Spaß. Eine Poetin schafft es dann auch, uns zu begeistern, denn ihre Gedichte handeln nicht vom Ruf nach Freiheit, sondern von dem Tag, an dem ihre Tochter einen Globus geschenkt bekam und ihn in mit ihrem kindlichen Vokabular einen Erdenball nannte. Sie schrieb ihr das Gedicht um sie später, wenn sie längst gelernt hätte, es einen Globus zu nennen, daran zu erinnern, dass es mal eine Welt voller einfacher Wörter und schöner Ansichten gab. Die Gedichte dieser Dame sind schön und authentisch, wir sprechen sie später am Abend noch persönlich an um ihr für diesen Lichtblick zu danken, sie ist sehr gerührt.
Mit Mädchen aus Venezuela unterwegs zu sein hat dann denselben Effekt wie die vorherigen Nächte, unsere heitere Truppe wird automatisch angesprochen. Wo kommen wir her, was machen wir hier? Der ältere Ire, der es heute wagt, spricht ein wenig Deutsch, ein wenig Spanisch, ein wenig Französisch, ein wenig Italienisch. Er war schon auf der Zugspitze und auf dem "Bierfest". Und in Mittenwald. Südamerika ist ein schönes Land, meint er. Wir werfen uns sprechende Blicke zu.
Nach einer Filmvorführung, deren Exponat sich wage mit dem Ausspruch "...for peace is dropping slowly" beschäftigt, machen wir uns lachend auf den Heimweg. Wein gab's, Essen gab's und Isabella hat sogar einen kostenlosen Kugelschreiber abgestaubt. Für uns war der Abend also ein Triumph.
Was die Ausstellung angeht, das ist ja alles gut gemeint und der Zweck heiligt ja bekanntlich so manche Mittel, aber Pauschalpreise für Amateurkunstwerke solcher Art, das gibt es doch nur bei den Benefizianern. Oder?
Ich rufe zum Gedichtwettbewerb auf, das Thema ist Freiheit, ihr habt eine Woche Zeit und der Gewinner bekommt einen Überraschungspreis aus Irland. Ich bin mir nämlich totsicher, dass ihr das alle besser könnt, als diese Gurken, die ich heute hören musste.
Schöner Tag.
Gute Nacht.
In der lunch break geht es zum Ausklang der Woche ins "Abrakebabra", wo die Preise für ein Mittagessen halbwegs vernünftig sind, dann noch mal bis drei in die Arbeit. Jessica hat neue Informationen aus der "Inneren", wir sind wohl nicht die einzigen, die mit Sarah nicht so ganz klar kommen. Außerdem beschließen wir, die Entwicklung der Kinder für uns ein wenig zu protokollieren, um einfach mal etwas Konkretes zu tun zu haben und weil uns es auch interessiert, was innerhalb von sechs bis acht Wochen so mit einem Kind geschieht.
Am Abend gehe ich mit Isaidi und Isabella zu einer Benefizveranstaltung "Reflections on Freedom". Es geht um Kindergefängnisse auf den Philippinen und darum , wie das "Praeda" Projekt die Kinder da raus holt und in therapeutischen Einrichtungen versorgt. Um dieses Projekt zu unterstützen, haben sich einige Künstler zusammen getan um einen Abend zu gestalten. Unterhaltung gibt es an diesem Abend kostenlos, die ausgestellten Bilder kann man aber kaufen. So weit, so gut.
Wir werden mit Wein begrüßt, und das begrüßen wir. Dann folgt jedoch ein Ansprachenmarathon, der sich gewaschen hat. Erst wird etwas über das Haus, dann über das Projekt, dann über das Land, dann... also es wird sehr viel über Vieles gesagt und ganze sechs Redner geben sich gegenseitig Mikro und Klinke in die Hand. Beim letzten Redner erlebe ich so etwas wie einen handfesten Schwächeanfall, vor meinen Augen dreht sich alles, auf den Ohren entsteht ein seltsamer Druck, mir wird etwas übel. Ich tauche ab, gehe in die Hocke und täusche vor, etwas aus meinem Rucksack zu holen, tatsächlich aber atme ich tief durch und warte ab, bis das Schwindelgefühl weg ist. Das dauert nur fünf Minuten, danach ist sowohl der Anfall als auch das Reden vorbei. Der Hammer kommt zum Schluss, jedes Bild kostet 250 Euro. Die Veranstaltung ist eröffnet.
Im Nebenraum beginnt eine Tanzveranstaltung, Isaidi hat Gott sei Dank Sitzplätze arrangiert und nun gehen auch Bruschettas und Käsestückchen herum. Da erhole ich mich prompt. Dann kommt der Tanz. Es ist eine Mischung aus heilendem Yoga und synergischem Tanz. Chakren haben wohl auch damit zu tun. Das Ganze findet in drei Liedern statt.
Zum ersten Lied wälzen sich die drei Tänzerinnen auf dem Boden wie Raupen, die einen Regenbogen verschluckt haben, sie tasten den Fußboden ab und strecken dabei ihren Po anmutig in die Höhe. Mich durchzuckt es kurz, aber nein, da darf man natürlich nicht lachen. Ich sitze immerhin in der ersten Reihe. So ernste Themen und dann diese Gymnastikstunde aus den 70ern, ihr wollt mich doch ärgern. Und wirklich werden die Raupen dann auch zu Schmetterlingen, schnüren sich farbige Tücher um die Hüfte und pflücken sich imaginäre Äpfel vom Baum. Nach einem Schwächeanfall muss ich jetzt also gegen einen Lachkrampf ankämpfen und wer mich gut kennt, weiß, wie schwer mir so etwas fällt. Aber ich obsiege.
Es geht weiter mit Gesang, Ansprachen, Poesie: Menschen, die nie eingesperrt waren, dichten über Freiheit, dementsprechend utopisch hallen nichtssagende Verse durch den Raum. Wir halten uns mit Wein und Bruschetta über Wasser, Isabella bringt es nach einem Applaus auf den Punkt: "I feel like in a wedding of people I don't know" (Ich fühle mich wie auf einer Hochzeit von Menschen, die ich nicht kenne). Wir haben dennoch Spaß. Eine Poetin schafft es dann auch, uns zu begeistern, denn ihre Gedichte handeln nicht vom Ruf nach Freiheit, sondern von dem Tag, an dem ihre Tochter einen Globus geschenkt bekam und ihn in mit ihrem kindlichen Vokabular einen Erdenball nannte. Sie schrieb ihr das Gedicht um sie später, wenn sie längst gelernt hätte, es einen Globus zu nennen, daran zu erinnern, dass es mal eine Welt voller einfacher Wörter und schöner Ansichten gab. Die Gedichte dieser Dame sind schön und authentisch, wir sprechen sie später am Abend noch persönlich an um ihr für diesen Lichtblick zu danken, sie ist sehr gerührt.
Mit Mädchen aus Venezuela unterwegs zu sein hat dann denselben Effekt wie die vorherigen Nächte, unsere heitere Truppe wird automatisch angesprochen. Wo kommen wir her, was machen wir hier? Der ältere Ire, der es heute wagt, spricht ein wenig Deutsch, ein wenig Spanisch, ein wenig Französisch, ein wenig Italienisch. Er war schon auf der Zugspitze und auf dem "Bierfest". Und in Mittenwald. Südamerika ist ein schönes Land, meint er. Wir werfen uns sprechende Blicke zu.
Nach einer Filmvorführung, deren Exponat sich wage mit dem Ausspruch "...for peace is dropping slowly" beschäftigt, machen wir uns lachend auf den Heimweg. Wein gab's, Essen gab's und Isabella hat sogar einen kostenlosen Kugelschreiber abgestaubt. Für uns war der Abend also ein Triumph.
Was die Ausstellung angeht, das ist ja alles gut gemeint und der Zweck heiligt ja bekanntlich so manche Mittel, aber Pauschalpreise für Amateurkunstwerke solcher Art, das gibt es doch nur bei den Benefizianern. Oder?
Ich rufe zum Gedichtwettbewerb auf, das Thema ist Freiheit, ihr habt eine Woche Zeit und der Gewinner bekommt einen Überraschungspreis aus Irland. Ich bin mir nämlich totsicher, dass ihr das alle besser könnt, als diese Gurken, die ich heute hören musste.
Schöner Tag.
Gute Nacht.
King of my castle
Jedes Kind hat ein Color-Sheet-Set mit Ausmalvorlagen, drei Vorlagen insgesamt, einmal Delphine, einmal Fische, zum Schluss ein Wal. Die Kinder malen mit dicken Crayons, also Wachsmalstiften, die Bilder aus und werden dazu ermahnt, bei ihren Arbeiten nicht die Linien zu übermalen. Sarah sitz mit am Tisch und mal ihrerseits die Vorlagen aus. Aishling und ich sitzen daneben. Für uns haben die Vorlagen wohl nicht gereicht. Ich langweile mich zu Tode und für den Fall, dass es Aishling nicht tut, langweile ich mich vorsichtshalber für sie gleich mit. Langsam erhärtet sich der Verdacht, dass das Regiment über die M’s (die Montessoris, das kann man unmöglich immer ausschreiben) Sarah gehört und das Aishling nicht immer hunderprozentig damit einverstanden ist. Zum Glück ist Sarah schwanger und daher bald im Urlaub.
In der lunch break unterhalte ich mich mit Jessica, es wird zum Ritual, dass wir im Hostel Sandwiches essen, nur Freitags wollen wir, um die Woche zu beenden, ins Diner gehen. Wir beschließen, mehr über die Strukturen in der Creche herauszufinden – "German Spies, at your service".
Am Nachmittag gehen wir in den Pet Shop, dort dürfe sich die Kinder Fische, Hamster und Wellensittiche anschauen, aber eigentlich sind wir da, weil Sarah noch Hundekekse kaufen möchte. Mein kleiner Liebling, der sich, wie ich nun herausgefunden habe, Daragh schreibt (was schon gar nicht mehr ganz so exotisch ist), fährt heute nach Kerry in den Urlaub. Gegen drei schlürfe ich ins Hostel zurück.
Das Hostel.
Ich bin nun schon seit zwei Wochen hier und konnte einige Dinge beobachten. Zum einen, dass es hier Dauergäste gibt, die mittlerweile den Stand des „Wohnens“ erreicht haben dürften. Zu ihnen gehört eine brasilianische Familie, eine Horde Spanier und Quasimodo.
Quasimodo ist unser Held. Isaidi und ich flüchten regelmäßig den Gemeinschaftsraum um uns im Flur schon krank zu lachen. Er ist der schlürfende Gnom, der so aussieht, als wäre er immer schon ein wenig zu alt für alles gewesen. Nie ist er rasiert. Immer läuft er in Shorts durch die Welt. Und scheinbar hat er nichts zu tun, außer dann und wann durch die Gänge zu watscheln. Für uns ist er so Quasimodo geworden, der ein seltsames Notre Dame bewacht. Er scheint sich außerdem auf mich eingeschossen zu haben, denn ständig fallen ihm Themen ein, die er unbedingt mit mir besprechen will. „Da ist genau die Person, nach der ich gesucht habe!“, meint er einmal und überreicht mir einen Zettel, auf dem seine Mailadresse und seine Telefonnummer stehen. „Ich weiß ja nicht, wie viele Freunde du in Dublin hast, aber falls du mal Hilfe brauchst, du hast ja gemeint, dass du zwei Monate da bist…naja, wenn du was brauchst.“ Ich gebe mir Mühe, nicht zu lachen und schaue mir den Zettel an. Er hat exakt den Namen des ältesten Sohns einer in Deutschland sehr bekannten, irischstämmigen Großfamilie, Stichwort Hausboot. Im Zimmer halte ich Isaidi triumphierend den Zettel unter die Nase: „Das mit mir und Quasimodo scheint wirklich was zu werden, ich freu mich so!“ Lachflash. Isaidi hat derweil mit einem Kubaner zu tun, der ihr bei jeder Gelegenheit erzählt, er träume doch nachts von ihr und wann sie endlich zu ihm komme…
Mein lieber Scholli, die Herren haben echt Nerven. Aber das female dormitory ist ein sicherer Schutzwall zwischen uns und unseren Verehrern.
Am Nachmittag gehe ich ins Stephen‘s Green Shopping Center, denn noch ist Summer Sale und drei Pullover und eine Hose zusammen für 38 Euronen ergattern kann man sonst selten. Mittlerweile habe ich auch langsam die Größeneinheiten verstanden und finde auf Anhieb passende Teile.
Die Arbeit an der Hausarbeit vereinnahmt den Rest des Tages, danach bin ich tot. Zwei Österreicherinnen kullern uns ins Zimmer, sie bleiben für eine Woche und ziehen dann weiter nach Amsterdam. „Was wir schon an Hostels gewöhnt sind!“, erzählt mir eine von ihnen. „An der Westküste, ein Vierbettzimmer, das war so groß wie hier der Vorraum, die Betten standen so dicht aneinander, dass wir nicht wussten, wie wir uns bewegen, geschweige denn, wo wir unsere Rucksäcke hinlegen sollen. Dann war das Badezimmer gleich hinter den Betten und die Tür auf der Höhe meines Bettes, nach dem Duschen war plötzlich mein Bett nass! Das Wasser hatte es da oben durchgedrückt. Und im Bad! Ein riesiges Fenster, raus auf den Hinterhof, wo es einen Pub gab. Da standen dann die Raucher und konnten uns schön beim Duschen zuschauen. Ich hab dann im nassen Bett geschlafen. Also, das war vielleicht was…“ Sie sind wohl öfter als Backpacker unterwegs. Da sieht und erlebt man viel.
Ich baue mir aus Handtüchern einen Vorhang zu meinem Bett, krabble hinein und ziehe diesen zu. Mit Musik im Ohr kann ich jetzt so tun, als hätte ich mein eigenes kleines Zimmer, das ist ganz angenehm.
Donnerstag, 11. August 2011
Umrühren ist die neue Spielkonsole
Sarah ordnet an, dass ich heute im Middle Room bei den Pre-Montessoris helfe. Ich mag Sarah nicht. Sie ignoriert meine Anwesenheit und die von Jessica gleich mit, ihren Erziehungsstil finde ich merkwürdig und das sie eine unteilbare Alleinherrschaft über die Montessori Lerninhalte pflegt, finde ich auch frustrierend. Mit allen anderen Betreuern komme ich gut klar, Sarah jedoch ist mir ein Rätsel. Und nun bin ich verbannt, denn Francis ist krank und es braucht wohl zwei deutsche Mädchen, um ihre Abwesenheit auszugleichen. Ärgern lohnt sich nicht und mit Jessica zu arbeiten macht Spaß, also was soll‘s.
Meine neuen Schützlinge sind jetzt also Georges kleine Schwester Natalie, Zac, Jack, Gavin und Jake. Letzterer scheint, so merken wir bald, in Richtung Autismus zu tendieren und er verhält sich dementsprechend schwierig, trotzdem wächst er uns durch kleine Niedlichkeiten schnell ans Herz. Die Kleinen kann man teilweise einfach begeistern, ewig sind sie damit beschäftigt, Jessicas Tee und meinen Kaffee umzurühren – es braucht also doch nicht immer gleich die neue Nintendo DS um ein Kind zu unterhalten. Wir betreuen auch den Mittagsschlaf der Lütten und beobachten, wie sie verträumt verknuddelt zurück in die Wirklichkeit finden, als sie aufwachen. Herrlich.
Nach der Arbeit kann ich gerade noch genügend Energie aufbringen, um die Grundstruktur der Hausarbeit zu „Nichts als Gespenster“ anzufertigen, dann muss ich schlafen.
Ich wache auf, als Isaidi in den Raum kommt, wir haben ein Wäschedate. Sie schnuppert an ihren Kleidungsstücken und entscheidet, was noch gut ist und was in die Trommel muss. Der Waschraum ist eine Klasse für sich, zwei Waschmaschinen und ein Trockner gammeln vor sich hin, kein Fenster lässt sich öffnen, deshalb ist die Decke auch schon lebendig und schimmert mich in allen Farben des tiefen Ozeans an. Die Maschinerie ist aber doch modern und bis 23:00 schaffen wir es auch, unsere Sachen sauber und trocken zu bekommen. Die Zeit überbrücken wir mit dem Essen von Bagels und mit einer Episode von „Big Bang“, auf Spanisch mit englischen Untertiteln.
Bazinga.
Mittwoch, 10. August 2011
Milch und Tränen oder Milk and Cookies
Die Geschichte ist eine Allegorie, oder eine Metapher, oder ein Synonym. Sie handelt von einem irischen Elch, eigentlich von einem Mann, der ein Haus hat und das Haus hat einen Garten, also hat der Mann einen Garten und in diesem Garten ist ein Elch, ein irischer und wenn der Wind durch das Gras saust, dann kann der Mann den Elch durch den Wind sprechen hören. Ziemlich verzwickt. In dieser Geschichte verliert der Mann den Kontakt zur irischen Kultur. In einer anderen Geschichte erzählt eine gemeine Großmutter angsteinflößende Geschichten von Vätern, die ihre Tränen mit Milch vermischen und den Geistern geben, die sonst ihre Familien holen würden. So geht das immer weiter. Mal dreht es sich um Monster, Hexen, mutige Kinder, zu große Frauen, Geister. Dann wieder um Bikini-Oberteile, chinesische Kindernamen und warum es wichtig ist, schlau und ein wenig nervtötend zu sein.
Ich bin im „Dublin Exchange“ auf der Milk&Cookies Stories Veranstaltung. Kostenlos gibt es hier Kaffee, Tee, Milch und Kekse, am allerwichtigsten aber ist, es gibt hier Geschichten. Eine Veranstaltung für Geschichtenerzähler ist es und jeder darf mit seiner Geschichte auf die Bühne gehen. Viele haben Kekse von daheim mitgebracht, selbstgebackene, daher gibt es auch einen Preis für den besten Keks.
Ich bin vollkommen von den Socken. Der Poetry Slam war ja bis jetzt schon eine tolle Sache, aber ein Event für das Erzählen von Geschichten, das ist so einfach und gleichzeitig eine so wunderbare Idee, dass ich sprachlos bin, leider. Mir, der großen Geschichtenerzählerin, fällt natürlich gerade nichts ein. Auch bei der pun competition (Wortspiel Wettbewerb) bin ich nichts wert, die anderen allerdings auch nicht wirklich. Zur pun competition wird aufgerufen, um die Jury für den besten Keks zusammenzustellen, der Plan ist wie folgt: Es gibt ein Thema und zu diesem Thema müssen sich die Opponenten Kalauer um die Ohren hauen, wem nichts mehr einfällt, der ist draußen. Die Moderatoren machen das am Beispiel „Käse“ vor: „We are turning blue over here“ (Wir fangen schon das schimmeln an), „This is getting too cheesy“
Aber keiner traut sich. Ich erst recht nicht, denn das geht nun wirklich über meine Kompetenzen hinaus. Die Moderatoren brechen die Aktion gerade ab, da kommtvon der Kaffeebar noch der Ruf: „Don’t give up, they just need time to mature!“ (Gib nicht auf, die brauchen nur Zeit zum reifen!) Der Saal lacht sich schlapp, die Stimme legt nach: „Now come and bear it!“ (Mein Favorit)
Trotzdem traut sich niemand und so wird das Konzept geändert, die ersten drei, die zum Thema Fisch ein Wortspiel rufen, sind in der Jury. Ich höre nur irgendwelche irischen Dialektsprecher von Karpfen und Angeln sprechen, dann ist die Jury gefunden und jene Jury findet dann auch einen wohlschmeckenden Keks, der zum Sieger gekürt werden kann.
Körbe mit Keksen werden herumgereicht, ich sitze zwischen Isabella und Isaidi, mir ist leider schon ein wenig übel, deshalb halte ich mich am Kaffee fest und probiere nur die kuriosesten Kekse aus. Die beiden Venezuelas verschwinden schon vor dem Ende, ich bleibe bis zum Schluß und wandere nach zehn noch durch die flauschige Abendluft Dublins ins Hostel zurück.
Ich habe an diesem Tag viel Spaß gehabt, mal einen Blick in die anderen Bereiche der Creche geworfen und mit German Jessica die Mittagspause verbracht, die Sonne schien uns auch lustig an. Ganz wunderbar.
Aber die Milk&Cookies Story Nacht...
Denny Crane.
Dienstag, 9. August 2011
Yoga Käfer und Pancakes in lila
"Welcome to..."
"YOGA BUGS!"
Wir sind im Ozean und suchen magische Perlen für eine Meerjungfrau, wir sind im Jungle und holen alle Tiere zu einem großen Treffen zusammen. Zumindest ist es das, was die Dame uns aus dem Fernseher entgegen schreit, während sie Yogaübungen zu den Geschichten präsentiert, die die Kinder nachmachen sollen. Dass das nur in etwa funktioniert, ist klar und bald müssen Aishling, Sarah und ich umher rennen, Kinder auseinander knoten, oder dabei helfen, die richtige Position einzunehmen. Montag machen die Kinder Gymnastik, so steht es auf dem Plan. Dass es sich dabei um Pseudo-Yoga handelt, konnte ich nicht ahnen.
Ein unbekanntes Gesicht ist unter ihnen, ihr Name ist Faye und sie bekommt ihre Sätze noch nicht so richtig zusammen. Im Morgenkreis soll sie erzählen, was sie am Wochenende gemacht hat und die Antwort ist: "I went I went I went I went ...ähm... I went I went I went to the princess show." George will sich gerade darüber lustig machen, bekommt von mir aber sofort böse Blicke und besinnt sich eines Besseren. Wir warten auf Sarah, deren unantastbare Domäne das Durchgehen des Kalenders und aller anderen wichtigen Auswendigkeiten ist, aber Sarah ist noch in der Küche, deshalb frage ich Lieblingsessen und Lieblingsfarbe der Kinder ab. Spaghetti Bolognese und blau, Spaghetti Bolognese und grün, Pancakes und lila, Pancakes und rot, Pasta und rot, Kartoffelbrei mit Soße und pink.
Dann kommt endlich Sarah und geht den Kalender durch, danach sagen alle Kinder das ABC auf.
Der Rest ist Routine. Essen, schlafen, spielen, Snacktime. Am Nachmittag soll es in den Park gehen zum Kastanien sammeln, aber der Regen macht uns einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich steht Francis mit einer neuen Studentin in der Tür, Jessica aus Deutschland. Die scheint ganz nett zu sein, ich sehe sie aber nur kurz, denn sie bleibt erst mal bei den Kleinen. Für die Mittagspause am nächsten Tag verabreden wir uns aber schon mal.
Ich darf "heim", doch dort ist das Zimmer dunkel, vier Mädchen schlafen, unter ihnen Isaidi, die ich eigentlich nach der Milk&Cookie Party, die wohl am Dienstag stattfindet, fragen wollte. Naja. Ich beende meinen Praktikumsbericht und sende ihn an den weißen, edlen Ritter, der in der Heimat sitzt und den Bericht an die Uni zu schicken verspricht. Dann überkommt auch mich die Müdigkeit und ich lege mich hin. Kinder sind Energiesauger, wird mir mal wieder klar. Nicht nur physisch zermürben sie durch einen ständigen Wechsel von tragen, bücken, sitzen, auch mental ist man total zerplündert, wenn man aus der Creche kommt.
Am Abend sehe ich mir "Nichts als Gespenster" an, immerhin ist zu dem Film noch eine Mini- Hausarbeit fällig, dann erwische ich meinen Ritter online und kann via Skype endlich mal wieder ein paar Worte mit ihm wechseln.
Zurück im Zimmer treffe ich Isaidi, die gerade vom Badezimmer zurück ins Bett hüpft. Sie hat den ganzen Tag geschlafen und will jetzt damit weitermachen. "Ist ja schon dunkel draußen!", grinst sie und schläft tatsächlich gleich wieder ein.
Recht hat sie.
"YOGA BUGS!"
Wir sind im Ozean und suchen magische Perlen für eine Meerjungfrau, wir sind im Jungle und holen alle Tiere zu einem großen Treffen zusammen. Zumindest ist es das, was die Dame uns aus dem Fernseher entgegen schreit, während sie Yogaübungen zu den Geschichten präsentiert, die die Kinder nachmachen sollen. Dass das nur in etwa funktioniert, ist klar und bald müssen Aishling, Sarah und ich umher rennen, Kinder auseinander knoten, oder dabei helfen, die richtige Position einzunehmen. Montag machen die Kinder Gymnastik, so steht es auf dem Plan. Dass es sich dabei um Pseudo-Yoga handelt, konnte ich nicht ahnen.
Ein unbekanntes Gesicht ist unter ihnen, ihr Name ist Faye und sie bekommt ihre Sätze noch nicht so richtig zusammen. Im Morgenkreis soll sie erzählen, was sie am Wochenende gemacht hat und die Antwort ist: "I went I went I went I went ...ähm... I went I went I went to the princess show." George will sich gerade darüber lustig machen, bekommt von mir aber sofort böse Blicke und besinnt sich eines Besseren. Wir warten auf Sarah, deren unantastbare Domäne das Durchgehen des Kalenders und aller anderen wichtigen Auswendigkeiten ist, aber Sarah ist noch in der Küche, deshalb frage ich Lieblingsessen und Lieblingsfarbe der Kinder ab. Spaghetti Bolognese und blau, Spaghetti Bolognese und grün, Pancakes und lila, Pancakes und rot, Pasta und rot, Kartoffelbrei mit Soße und pink.
Dann kommt endlich Sarah und geht den Kalender durch, danach sagen alle Kinder das ABC auf.
Der Rest ist Routine. Essen, schlafen, spielen, Snacktime. Am Nachmittag soll es in den Park gehen zum Kastanien sammeln, aber der Regen macht uns einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich steht Francis mit einer neuen Studentin in der Tür, Jessica aus Deutschland. Die scheint ganz nett zu sein, ich sehe sie aber nur kurz, denn sie bleibt erst mal bei den Kleinen. Für die Mittagspause am nächsten Tag verabreden wir uns aber schon mal.
Ich darf "heim", doch dort ist das Zimmer dunkel, vier Mädchen schlafen, unter ihnen Isaidi, die ich eigentlich nach der Milk&Cookie Party, die wohl am Dienstag stattfindet, fragen wollte. Naja. Ich beende meinen Praktikumsbericht und sende ihn an den weißen, edlen Ritter, der in der Heimat sitzt und den Bericht an die Uni zu schicken verspricht. Dann überkommt auch mich die Müdigkeit und ich lege mich hin. Kinder sind Energiesauger, wird mir mal wieder klar. Nicht nur physisch zermürben sie durch einen ständigen Wechsel von tragen, bücken, sitzen, auch mental ist man total zerplündert, wenn man aus der Creche kommt.
Am Abend sehe ich mir "Nichts als Gespenster" an, immerhin ist zu dem Film noch eine Mini- Hausarbeit fällig, dann erwische ich meinen Ritter online und kann via Skype endlich mal wieder ein paar Worte mit ihm wechseln.
Zurück im Zimmer treffe ich Isaidi, die gerade vom Badezimmer zurück ins Bett hüpft. Sie hat den ganzen Tag geschlafen und will jetzt damit weitermachen. "Ist ja schon dunkel draußen!", grinst sie und schläft tatsächlich gleich wieder ein.
Recht hat sie.
Montag, 8. August 2011
Von wohlgesonnen Ampeln und Situationen, in denen ich kein Englisch kann
Eine übertrieben dramatisierende Stimme mit irischem Akzent erklärt mir, wer die Dame mit dem Handwagen voller Körbe ist. Ich mache ein Foto. Ein Mann, der die Hände zum Himmel reckt. Foto. Eine überdimensionale Stricknadel. Foto. Die Stimme drückt sich gewählt aus, sie sagt so schöne Sachen wie: „Wenn die Ampeln dir wohlgesonnen sind, überquere die Straße.“ Mach ich.
Ich bin auf dem Weg zum Croke Park, dem Stadion, indem so ziemlich alles stattfindet, was es an irischen Sportarten gibt. Den Weg dorthin lasse ich mir von einer Aufnahme erklären, die ich von der Seite visitdublin.com heruntergeladen habe und so erfahre ich auch gleich, wo die Unruhen stattgefunden haben und wo man die Einschusslöcher aus dieser Zeit finden kann. Dass man für das überqueren einer Brücke über die Liffey damals einen Penny zahlen musste. Dass die Vikinger, wenn sie mit jemandem Frieden geschlossen haben, symbolisch Waffen ins Wasser warfen. Dass alle Distanzrechnungen, die von Dublin aus gemacht werden, vom Punkt des General Post Office gemacht werden. Dass James Joyce auf das Belvedere College ging. Dass es sich bei der riesigen Nadel, die in den Himmel ragt, wohl irgendwie um das Millenium geht. Warum sie dann aber erst 2002 gebaut wurde, kann ich einen Audioguide leider schlecht fragen. Als ich endlich in die Nähe des Croke Park komme, schwant mir Übles, denn viele Menschen sind hier in Trikots unterwegs und singen patriotisch anmutende Lieder.
Spieltag heißt meine Ernüchterung, nur mit speziellen Tickets kommt man da ins Croke Park Museum und eine Stadionführung findet dann natürlich nicht statt.
Na gut. Stattdessen mache ich mich auf den Weg in die Dublin City Gallery, oder auch Hugh Lane Gallery. Da ist der Eintritt frei und die aktuelle Ausstellung läuft unter dem Titel „Women of Substance“. Fotografieren darf ich dort leider nicht, deshalb schreibe ich mir die Namen der Bilder, die ich gut finde, in meinem Notizbuch auf und suche sie später im Internet.
In einem Extraflügel des Museums befindet sich das Studio von Francis Bacon. Das wurde nach seinem Tod von seinem Bruder dem Museum vermacht und wenn ich es richtig verstanden habe, wurde also der Raum, in dem Bacon gemalt hat, komplett ins Museum geschafft. Samt Wänden. Dieses Studio ist mit den Augen einer deutschen Hausfrau betrachtet einfach nur ein Saustall, aber so hatte es der gute Bacon (mmh, Bacon) wohl gern. Dreckiges Geschirr fand er nicht gut, aber zum Arbeiten hat er eine chaotische Atmosphäre benötigt. Na, wenn er meint. Seinen Bildern kann ich leider nichts abgewinnen, dafür dass er in den Videoexponaten viel von lebendigen Strukturen und kraftvollen Pinselstrichen spricht, sind die ausgestellten Ergebnisse eher fad. Vermutlich steinigen mich jetzt die Kunstkenner, aber Bacons Bilder langweilen mich.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich nun schon eine ganze Weile gelaufen und trete den Weg zurück ins Hostel an. Unterwegs denke ich darüber nach, wie praktisch doch Beine sind und was die alles aushalten. Seit neun Uhr bin ich unterwegs, es ist nun drei Uhr am Nachmittag und die Teile können noch. Der Magen kann auch noch gerade so, aber an Subway und McDonalds vorbeiziehend wird es doch schon schwierig. Ich bleibe aber brav. Auf dem letzten Stück der Strecke gibt es dann ein Vorkommnis. Ein Schwarzer quatscht mich an. Ich kenne das schon. Diesen einen Schwarzen gibt es in jeder Stadt. Und alle seine schwarzen Schwestern und Brüder sind nette Menschen. Aber es gibt immer diesen einen, speziellen Schwarzen, der dich einfach so anquatscht und der will dich immer, immer flachlegen. Das fängt an mit „How are you“ und geht nahtlos weiter mit „You are so beautiful“. Wer mir das als rassistisches Vorurteil auslegt, hat es einfach nicht so oft erlebt. Und dieses Exemplar war besonders hartnäckig. Das lief ungefähr wie folgt:
Er: Hey, how are you?
Ich: -
Er: Do you speak English?
Ich: Deutsch.
Er: What?
Ich: Ich sprech nur Deutsch.
Er: Where do you come from?
Ich: Ich versteh dich nicht.
Er: Are you from Holland?
Ich: Ich komm aus Deutschland.
Er: Are you from Germany?
Ich: Ich komm aus Deutschland.
Er: Sweden?
Ich: Deutschland.
Er: Not Sweden?
Ich: Sag mal, was willstn du überhaupt von mir?
Er: How long are you staying?
Ich: Hör mal, Freundchen, ich komm aus Deutschland und sprech nur Deutsch. Wenn du kein Deutsch kannst, können wir uns nicht unterhalten.
Auf diesen langen, verärgerten Schwall hin ist er dann etwas unsicher geworden, hat beim Straßenwechsel noch „See ya“ gerufen und als er aus der Sichtweite entschwunden ist, musste er mir auch vorher noch mal winken.
Fast hätte ich schlechte Laune bekommen.
Dann aber gab es Schinkensandwich.
Sonntag, 7. August 2011
Rattenhaus
In der Nacht um drei geht das Licht an, Menschen huschen und flüstern. Die Brasilianerinnen machen sich fertig, ihr Bus geht um vier, ihr Flug geht um sechs, sie wollen nach Holland. Ich drehe mich weg.
Am Morgen um neun wache ich wieder auf, gleichzeitig mit Isaidi, dem Mädchen aus Venezuela. Sie hat mir gestern Abend noch ihren Namen aufgeschrieben, dazu den von ihrer Freundin Isabella, die vielleicht eine Idee für Übernachtungen im September hat. Isaidi krabbelt ins Bett zurück, vorher fragt sie mich noch, ob ich am Nachmittag mit auf ein Festival nach Dun Laoghaire kommen möchte. Dun Laoghaire liegt in der Küstengegend Dublins und spricht sich eher wie Don Larry. Ich werfe meinen Croke Park Plan über den Haufen und sage zu. Dann gehe ich joggen, zum ersten Mal in Dublin, einfach die Straßen entlang und eine Runde durch den Stephen’s Green Park. Das macht Spaß. Ich fühle mich dublinisch, heute.
Das Frühstück ist wie erwartet eine Massenveranstaltung, unser Zimmer war die Nacht bereits voll belegt, die anderen werden es auch gewesen sein. Dementsprechend tummelt sich nun die Meute um Toast und Marmelade. Ich quetsche mich dazu und lasse mir von einem Spanier Kaffee geben. „Anything else?“ fragt er wie ein Butler. Gleich lassen sich alle Mädchen am Tisch von ihm bedienen und er wird wohl nie wieder fragen, ob jemand etwas von seinem Kaffee haben will.
Nach dem Frühstück lese ich, denn draußen hat es zu regnen begonnen. Ich zweifle schon an der Festivaltauglichkeit des Tages. Gegen Mittag werde ich so müde, dass ich noch einmal einschlafe. Dann kommt Isaidi von ihrer Statuentätigkeit zurück, sie hat Blumen dabei. Ein verrückter Freund von ihr hat ihr die gebracht. Sie kann mit einer so altmodischen Geste nichts anfangen. „Der soll mir Geld bringen. Was will ich denn hier mit Blumen? Soll ich die in die Mitte des Raumes stellen?“ Sie lacht sich halb tot. Wir ziehen los und holen am Shopping Center Isabella ab. Die ist auch aus Venezuela, bleibt aber länger in Dublin, weil sie noch an einem Studentenprogramm teilnimmt. Wir verstehen uns auf Anhieb gut miteinander. Wir reden über Arbeit mit Kindern, über Aufklärung, über Musik und Sprachen. Isabella findet Deutsch schön. „Von einem Deutschen gesprochen klingt Deutsch wunderbar.“, sagt sie. Ihre Zimmergenossin ist Deutsche und sie hört ihr liebend gern beim Telefonieren auf Deutsch zu. Isaidi war auch schon in Deutschland, in Essen, Münster, Köln, Berlin. Sie fand das Rathaus witzig – rat house, ein Haus voller Ratten. In Holland hat sie über die Rabobank gelacht, den Rabo bedeutet bei ihnen wohl „Hintern“. „Was, ihr schiebt euch das Geld in den Hintern?“
In Dun Laoghaire regnet es aus Kannen und wir warten im „Tea Room“ mit Kaffee und Tee darauf, das es aufhört. Das tut es gegen sieben Uhr. Um acht beginnt ein slowakisches „Festival“, eigentlich ist es nur der Auftritt einer Band, der Rest wurde wohl aufgrund des Regens gar nicht erst aufgebaut. Wir haben trotzdem Spaß. Die Band heißt Vladimir und mischt Klassik mit Pop. 3 Geiger, 1 Drummer, 1 Pianist und ein Kontrabassspieler. Wir hüpfen herum. Zum CanCan ticken die Venezualerinnen richtig aus.
Nach dem Konzert laufen wir an der Küste entlang, die Seeluft ist wunderbar. Den halben Pier sind wir gelaufen, dann fängt es langsam wieder an zu regnen, also geht es zurück zur Bushaltestelle. Die ganze Busfahrt kaspern wir herum, Isabella fragt mich irgendwann. „Du bist Deutsche. Bist du dir da sicher?“ Sie hat sich Deutsche ernster vorgestellt. Jaja…
Samstag, 6. August 2011
Nice Performance!
„Höher. Höher. Viel höher.“ Abby liegt gelangweilt in einer großen Schaukelschüssel und verlangt mehr Schwung. Zusammengekringelt neben ihr liegt Ella, the Elephant und lässt sich von der Sonne bescheinen.
Wir sind auf dem Spielplatz im Stephen’s Green Park und sowohl unsere Montis als auch die Toddler rennen in gelben Warnwesten über das Gelände. Ich bin sehr beliebt hier, ständig muss ich helfen, jemandem zusehen, Bewunderung zeigen, was zur Kettenreaktion wird.
Ich : Good job, George!
Aiden: Did I do a good job, too?
Ich: Yes you did.
Aiden: I did a better job than you, George.
George: No, you didn’t. I did.
Ich: No you didn’t. You both did a good job. No one did it better.
Genderwise könnte man gut eine Studie mit den kleinen durchführen. Rosa Prinzessinnen und wetteifernde Feuerwehrmänner. Es sind Bilderbuchrollenverteilungen. Auf dem Rückweg besuchen wir Chrissy und das ist ein Pferd. Ein Kutschpferd, dass die Kinder wohl schon kennen und nun streicheln dürfen. Der arme Gaul tut mir leid, denn die Kinder sind zwar wohlwollend, aber so unglaublich laut und ruppig. Liz, eine Toddlerbetreuerin, macht ein Foto für die Pinnwand in der Creche. Dann geht es zurück. An meiner Hand geht George, der ein unglaubliches Geltungsbedürfnis hat und ständig irgendetwas brabbelt, es zur Not auch so oft wiederholt, bis man etwas dazu gesagt hat. Mein zweiter Fan ist Lia, ich habe also im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun. Leider darf ich die Kinder ohne Einverständnis der Eltern nicht fotografieren, was mich um einige hinreißende Motive bringt.
Der Nachmittag hält eine weitere Überraschung bereit. Im Park nebenan findet ein großes, interkulturelles Picknick statt und alle sind eingeladen. Diesmal greift Darrough nach meiner Hand und ich will ihn aufessen dafür. Ich bin nämlich heimlich Fan von Darrough, weil er so ruhig und süß vor sich hin troddelt, sich Zeit lässt und weil er zum Anbeißen ausschaut, wenn er gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht. Diesen Mops werde ich wohl leider Ende September in meinen Koffer packen müssen.
Furchtbar Interkulturell schaut das Picknick nicht aus, aber ich bin ja nun auch schon seit einer Woche in einem Hostel, in dem die Welt ein und ausgeht. Wo soll das so ein Picknick noch toppen können? Zumindest ein guter Kinderzauberer -Schrägstrich- Kinderclown ist zugegen. Der leistet gute Arbeit, die Kinder lachen sich tot. Unsere Warnwesten-Clique bekommt Käse, Chips und Schokolade und schaut fröhlich schmatzend diesem Chaoten zu.
Gegen drei verabschiede ich mich und fahre ins Nutgrove Shopping Centre, um doch nochmal den Summer Sale auszunutzen und auch Lebensmittel einzukaufen. Bei Penneys erwerbe ich drei Shirts, zwei Strandhandtücher und eine bedruckte Stofftasche für insgesamt 20 Euro. Nicht schlecht. Dann geht es natürlich wieder zu ALDI. Dort hält sich ein Kassierer für besonders toll – die Dose Thunfisch, die ich aufs Band gelegt habe, will er wie ein DJ am Plattenteller über den Scanner ziehen, mit einem Finger dreht er heiße Scheibe und prompt kullert El Tuna vom Scanner, dem Kassiere in den Schoß auf dem Boden. „Nice Performance“ ist mein Kommentar und der arme Kerl wird ganz rot.
Im Hostel hagelt es jetzt wieder neue Gäste. Zwei Amerikanerinnen stolpern ins Zimmer, eine Mutter mit ihrer Tochter, Anne und Claire aus Phoenix, Arizona. Das „Phoenix, Arizona“ ist der Tochter ein Greuel, sie meint, das wisse doch eh keiner, wo das ist. Aber sowohl ich als auch die hinzukommenden Tschechischen Mädchen bestätigen ihr, dass das schon eine bekannte Größe in Europa ist. „Echt?“, meint sie verwundert. Da frage ich mich, wieviel über die Bundesländer Deutschlands außerhalb unserer Grenzen bekannt ist. Bavaria zumindest hat bisher noch jedem was gesagt, Munich erst recht. Aber mit Thüringen, Gera oder Sachsen, Oberfrohna hat man da sicher auch nicht den Trumpf im internationalen Skat gezogen. Ich suche mir für den nächsten Tag ein paar der Podcasts von der Seite visitdublin.com herunter und überlege mir, die Croke Park Tour zu machen.
Claire hat ihr Bett gemacht und segelt bei dem Versuch, aus dem Doppelstock nach unten zu kommen, etwas ungalant auf den Boden.
„Nice Performance“ ist der Spruch des Tages.
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