Donnerstag, 8. September 2011

Darf ich dich bepeinlichen?

"The itsy bitsy spider..."

Es ist eine Erfolgsgeschichte. Eine kleine Spinne klettert ein Rohr hinauf. Sie hat es fast geschafft, doch dann: Ein Regenfall. Mist. Die Spinne sprudelt es zum Boden zurück. Aber gibt sie auf? Oh, nein. Sie wartet auf den Sonnenschein, lässt sich fein trocknen und dann krabbelt sie wieder hinauf. Der Wahnsinn. Itsy Bitsy - Eine Spinne geht ihren Weg. Demnächst auch in ihrem Kino.

Allem Sarkasmus, der mir innewohnt wo andere ihr Herz haben, zum Trotz singe ich englische Kinderlieder mit den M's und klampfe auf der Gitarre herum. Gemeinsam stellen wir klatschend fest, wie glücklich wir sind. Gemeinsam rudern wir ein Boot. Wir schütteln den linken Fuß, wir greifen nach dem glitzernden Stern, wir kennen unser Alphabet und wir ahnen, welch mühsame Aufgabe die Räder an einem Bus den ganzen Tag bewältigen müssen. Mehr noch, wir werden zu Schafen und lassen uns scheren, damit der gütige Herr und die gnädige Dame, ja sogar der kleine Junge am Ende der Straße noch genügend Wolle bekommt. Gott sei Dank haben wir so viel Wolle produziert!

Langweilig wird es uns nicht. Abgesehen von den zwei Stunden Fernsehzeit, die hier jeden Tag zur Mittagszeit gereicht werden. Sonst sind wir immerdar am Observieren und diskutieren. Was ist los mit Phil, dem deutschen Jungen, der ab und an gewalttätig wird und sich damit selbst erschrickt? Wie lösen die Kinder Streitsituationen? Wann greift man ein? Wie greift man ein? Wann braucht es Strenge? Was geschieht instinktiv? Was steuert man? Traurigerweise reflektieren wir in  einer Mittagspause mehr als manche der Betreuer in ihrem ganzen Leben, wie es scheint. Ganz besonders macht uns das Exemplar Danielle zu schaffen, eine Betreuerin, die ohne Diplom und Verstand in der Creche gelandet ist. Der sind wir ein Dorn im Auge, oder besser gesagt, der Dorn hat das Auge schon komplett verdrängt. Schon wenn wir einmal zehn Minuten eher in die Mittagspause gehen, werden wir von ihr vernichtend angesehen. Dazu fällt uns dann auch nichts mehr ein, immerhin sind wir Praktikantinnen, nicht etwa Sklaven. Aber den Unterschied kennen ja viele nicht.

Gott sei Dank kennt ihn Alice und so erlaubt sie mir sofort auf Anfrage hin, die kommende Woche frei zu nehmen, damit ich an meiner Zulassung arbeiten kann. Für die wird es nämlich langsam eng. "Überhaupt keine Frage, wenn du nicht kommen willst, kommst du einfach nicht. Du wirst nicht bezahlt. Da ist das in Ordnung."

Ich wünschte, ich könnte mich über die freie Zeit mehr freuen, doch ich weiß ja, dass ich die Tage von zehn bis acht in der Bibliothek zubringen werde. Und dort ist das Publikum immer so nett. Nachdem mir nun schon zweimal der Chipsesser mit dem Monstermaul um die Ohren geschurpst ist, habe ich jetzt, in Level zwei, einen schlimmeren Endgegner bekommen. Er ist Araber, fragt mich manchmal nach dem Wetter (es gibt keine Fenster nach draußen, da sich die Bibliothek im Herzen des Einkaufszentrums befindet) und er stinkt wie ein frisch geöffnetes Güllerohr. Die Ursache muss in einer übermäßigen Schweißproduktion liegen und so erreicht mich jedes Mal, wenn er die Arme hebt, eine Wolke lieblichen Duftes. Manchmal streckt er sich ordentlich und lockert rudernd die Schultern. Dann atme ich zwei Minuten lang durch den Ärmel meines Pullovers. Leider kann ich nichts sagen, oder wie stellt man das an? "Excuse me please, you smell a bit", da kann ich ihm auch gleich eine runter hauen. Ich setze mich also um, sobald ein anderer Platz frei wird, aber schon am nächsten Tag treffen wir wieder aufeinander und ich möchte heulen, denn nur bei ihm ist ein Platz frei, und ja, er riecht noch genauso wie am Vortag. Da sitze ich also, befasse mich mit der DDR und dem stinkend faulen Kapitalismus.
Ich möchte mich übergeben.

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