Donnerstag, 15. September 2011

Geister, Hornissen und Löcher in den Wänden

In der Reihenfolge, in der sie gewünscht wurden, kommt nun jeden Tag eine der Geschichten zu euch ( Wer noch nicht gevotet hat, darf das noch nachholen...) Wir starten mit: 


Geister, Hornissen und Löcher in den Wänden


Ein junges Fräulein betritt die Bühne der Milk & Cookie Szenerie. Ihre Haare sind braun und gerade so lang, dass sie ihren Hals berühren, ein wenig nach Bob sieht das schon fast aus. Sie ist nervös, nein, das ist es nicht. Aufgedreht, ein wenig fahrig. Beim Sprechen überschlägt sich ihre Stimme leicht. Sie erzählt:

"Also, meine Geschichte...das ist nicht wirklich eine Geschichte, aber das Thema heute ist ja Reisen, da passt das ganz gut... ich hab drei Wochen nicht geschlafen, oder so gut wie gar nicht, ich bin also ziemlich fertig mit den Nerven. Warum habe ich nicht geschlafen? Ich war in Frankreich, ähm... weiß jemand von euch, was Wwoofing ist? Das ist so eine Freiwilligengeschichte. Na, jedenfalls, die Unterkünfte in die man da kommt, also, die sind teilweise ganz schön beschissen. Ist leider wahr. Eines der Zimmer...", sie hält ihre Hand auf Hüfthöhe, "...das war gerade mal so hoch. Und von der Decke hing so ein Netz über den Betten, und an einer Seite des Zimmers war ein Hornissen-Nest. Ohne Scheiß. Nachts dachten wir einmal, hey, das klingt nach Regen, waren dann aber doch die Hornissen, die gegen die Wand flogen und auf dem Netz herumkrabbelten. Außerdem waren die Betten...", sie hält ihre Handflächen zueinander gerichtet auf einen Zentimeter Abstand, "...ungefähr so weit voneinander entfernt, ich hab also quasi mit einer mir fremden Person in einem Bett geschlafen, das war auch mal spannend. Und dann war da ein großes Loch in der Wand, mit einer Decke drüber, und ich frag mich so, was ist hinter dem Loch, was ist da? Und dann erzählt mir jemand, ja, da nebenan wohnt der Besitzer. Ach? Na, jedenfalls konnte wir dann hören, was da so los war, wie er mit seiner Frau intim wurde und so, ich glaub, das war nicht so besonders toll..."

Das Publikum lacht schallend, auch die Erzählerin muss lachen, sie fährt sich durch die Haare.

"Ja, also, da habe ich schon mal eher wenig geschlafen, dann kamen wir das nächste Mal in so eine alte Burg, in der man Zimmer vermietete und ich bin so blöd und frag erst mal, hey, gibt's hier Geister? Ich hoffe mal, die Antwort ist nein, du Idiot! Aber die so: Oh, ja, viele Geister! Klasse. Ich muss sagen, ich hab Angst vor so was, ich weiß, das ist dumm. Ich hab dann in so einem Turmzimmer geschlafen, und so die ersten zwei Stunden schlaf ich auch, dann bin ich aber aufgewacht und hab mir gedacht, hoffentlich kommen jetzt keine Geister! Und dann geht das los, ich hör so Schritte und dann auch so ein Kratzen an der Wand, ich hab kein Auge zugetan. Es stellte sich dann heraus, dass die Schritte...also, ich hab ja schon gesagt, die Unterkünfte sind ziemlich beschissen...also, das waren Ratten, die sind da lang gekrabbelt, und ich, ich muss zugeben, ich bin etwas schlampig, ich hatte meine Klamotten und alles einfach so auf den Boden geworfen, da sind die Ratten durch gekrabbelt, das war nett...Und das Kratzen an der Wand, also... das waren die Wände selbst, die da irgendwie aus dem Leim gegangen sind, war ja eine Burg, da kamen immer mal so kleine Bröckel herunter. In einer anderen Nacht, ich muss zugeben, ich war ziemlich betrunken...wir waren mit den Franzosen was trinken. Sind hier Franzosen? Ihr da vorne habt doch französisch gesprochen?"

Ein paar Franzosen geben sich zu erkennen.

"Also, wir hier in Irland sind irgendwie immer der Meinung, Franzosen betrinken sich nicht. Ich hab immer gedacht, ihr trinkt mal was zum Essen oder so, so ein gesellschaftliches Trinken. Is aber Blödsinn, hab ich gemerkt. Zumindest die Franzosen, mit denen ich da unterwegs war, also, die haben sich schon ordentlich betrunken. Jedenfalls hatte die Besitzerin der Burg so gemeint, ja, jede Nacht um drei Uhr hört man ein Schlagen gegen das Tor. Dreimal schlägt das dann, danach hört man auch Stimmen, das sind die Geister. Mmh. Ich wach also nachts auf und hab keine Ahnung, wie spät das ist, ich will auch nicht auf die Uhr schauen, weil, also, um euch mal zu zeigen, wie ängstlich ich bin, also, ich hatte Angst, dass ich im Licht meines Handys einen Geist sehe. So bekloppt bin ich. Ich schau also nicht auf die Uhr, da schlägt das plötzlich gegen das Tor draußen, viele Male, und ich höre Stimmen und denke, nein! Geister! Mit mir im Raum hat eine geschlafen, die war aus Neuseeland, ich hab überlegt, ob ich die wecke. Ich selbst wär ja komplett nutzlos, also, wenn mich einer weckt und sagt, Geister! Ich wär keinen Penny wert, is klar. Aber das Mädchen, da hätte es Sinn gemacht, die war nämlich Exorzistin. In ihrer Freizeit, so."

Der Saal feiert.

"Die war auch schon mal da, in der Burg, weil, jetzt kommts, in dem Turm neben unserem spukt nämlich der Geist einer Frau. Die sollte mal den Burgherren heiraten, dann ging der aber in den Krieg und man hat sie in der Burg eingesperrt, was weiß ich warum, damit sie nicht in die Stadt geht und sich mit der Pest ansteckt oder irgendwie so was. Der Mann ist im Krieg gestorben und die Frau hat man eingesperrt gelassen. Die hat sich dann, ... na, also, die hat sich dann quasi umgebracht da drin und spukt jetzt da. Und meine Zimmernachbarin war schon mal hier, um die zu exorzieren, aber sie war offensichtlich nicht so erfolgreich, weil der Geist immer noch da ist. Hat dann auch die Besitzerin erzählt, dass schon viele Besucher die mal gesehen haben. Wahnsinn. Na, wie dem auch sein, es schlägt da ans Tor und ich bin total verstört, un die Stimmen sind so laut und ich denk mir: Man! Diese Geister machen aber echt einen drauf! Ich schlaf also wieder nicht und am nächsten Morgen erzählen mir dann die Leute, ja, das waren nur Gäste, die waren ausgesperrt und wollten rein. Fanden alle lustig, außer mir, ich denk natürlich an Geister und hab Schiss. Du bist so'n Idiot! Sagen die anderen zu mir. Ja, also, warum erzähl ich das? Ich wollte nur los werden: Das Wwoofing hat mir total Spaß gemacht. Und diese ganzen Geschichten, das mit der beschissenen Unterkunft und den Geistern und Hornissen und Löchern in den Wänden und das ich nicht schlafen konnte - das ist alles scheißegal, wenn man eine gute Zeit hat, und die hatte ich. Dankeschön."

Es hagelt Applaus.

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