Tante Joan soll sterben
Sie wird sehr herzlich angekündigt, denn sie war wohl schon
oft zugegen, eine Profi Geschichtenerzählerin sozusagen. Unter großem Applaus
betritt eine Dame mit kastanienbraunem, kurzen Haar die Bühne und hat eines
dieser Gesichter, dazu eine dieser Stimmen, die Menschen sofort sympathisch
machen. Aus ihrer Kindheit erzählt sie uns etwas: Die Geschichte von Tante
Joan:
„Es war an meinem Geburtstag. Meine Mutter machte gerade
meine Geburtstagstorte fertig, für die Feier am Nachmittag und als ich in die
Küche kam, um zu schauen, wie sie vorankam, da sah ich, dass sie einen rosa
Zuckerguss auf die Torte machte. Rosa! Ich war so glücklich! Meine Mutter
glaubte nicht wirklich an rosa für Mädchen, aber das sie mir gestattete, rosa
Zuckerguss auf meine Geburtstagstorte zu bekommen, das war für mich das
Höchste. In diesem Moment läutete es an der Tür und Mutter schickte mich, um zu
öffnen. Ich öffnete also die Tür, und da stand meine Tante Joan. Ich hatte sie
erst einmal gesehen, für vielleicht fünf Minuten. Die Sache ist die, ich hatte
eine Menge Onkel und Tanten, zwölf väterlicherseits und sicher genauso viele
mütterlicherseits. Diese Tante Joan war die Frau des ältesten Bruders meiner
Mutter. Da stand sie also. Sie war schon sehr, sehr alt und ihr Mann war
bereits gestorben, sie hatte außerdem Arthritis und konnte ihre Finger kaum
bewegen. Da stand sie und sagte: „Ich muss mit deiner Mutter sprechen.“ „Mutter
ist in der Küche!“, antwortete ich und so begab sich Tante Joan in die Küche.
Dort begann sie mit meiner Mutter zu flüstern und zu flüstern, ich versuchte
angestrengt, vor der Tür zu lauschen, aber sie waren zu leise. Ich ging also in
den Garten um zu spielen und nach einer Weile kam ich zurück, um zu sehen, ob
sich etwas getan hatte. Meine Mutter war gerade dabei, etwas auf den Kuchen zu
schreiben und Tante Joan stand hinter ihr und sagte ihr ins Ohr:
„Haaaaaa…..peeeeee….peeeeee…..ypsiloooooon…. Beeeeeee….“, da wurde meine Mutter
wütend: „Verdammt nochmal, Joan, ich weiß, wie man Happy Birthday schreibt!“
Ich verschwand also lieber wieder.
Am Nachmittag war also meine Feier und alles
war schön, die rosa Geburtstagstorte schmeckte wunderbar und alles war vorbei,
als mein Vater von der Arbeit heimkam. Zu dritt begannen die Erwachsenen nun wieder
das Flüstern und irgendwann kam meine Mutter nun zu mir und sagte mit einem
breiten Lächeln: „Tante Joan wird jetzt bei uns wohnen!“ Ich erkannte an der
Art ihres Lächelns, dass das keineswegs ein Grund zur Freude war. Die Sache war
also die, Joan hatte nach dem Tod ihres Mannes eine Weile bei ihrem Bruder
gewohnt, doch der hatte sie nun herausgeworfen. Eine traurige Geschichte,
dachte ich, bis ich merkte, warum er sie hinausgeworfen hatte. Lasst es mich so
sagen: Tante Joan war keine besonders angenehme Person. Sie kam , und sie wurde
nie müde, das zu betonen, aus einer guten Familie aus Cork und da konnten wir
einfach nicht mithalten.
Wir waren einfach nicht gut genug, egal, was wir
taten, es war verkehrt. Irgendwann stellte sie fest, dass meine Eltern keine
Ahnung von guter Erziehung hätten und nahm mich beiseite, um mir Manieren
beizubringen. Wie ihr euch vorstellen könnt, war ich sehr glücklich darüber.
Drei Probleme hatte ich, so sagte sie mir. Mein erstes Problem, und es gab
nichts, dass ich hätte dagegen tun können, war, dass ich zu kräftig. Nicht zu
dick, nein, dagegen hätte man etwas unternehmen können. Ich hätte hungern
können. Aber nein, mein Problem waren meine Knochen, die waren zu dick. Frauen,
so erklärte mir Tante Joan, müsste Vogelknöchelchen haben. So wie sie und all
ihre Schwestern und Tanten, sie alle waren zarte Vogelweibchen.
Mein zweites
Problem war mein Haar, denn es war glatt und, so meinte Joan, glattes Haar ist
ein Zeichen von Gewöhnlichkeit. Lockiges Haar war nicht viel besser, aber sie
und alle ihre Schwestern und Tanten hatten leicht gewelltes Haar und das zeige
Noblesse. Zu dieser Zeit gab es eine Läuseepidemie in der Schule, es war
wirklich schlimm. Wenn man Läuse hatte, wurden einem alle Haare abgeschnitten
und eine rote, stinkende Tinktur wurde einem auf den kahlen Kopf gegeben.
Allerdings ging das Gerücht, dass einem danach die Haare in Locken wuchsen. Ich
war also sehr bemüht, da ja mein glattes Haar so furchtbar gewöhnlich war, mir
Läuse einzufangen. Als die Nachbarskinder Läuse bekamen, stand ich stundenlang
unter ihrem Fenster und rief: „Schüttelt euer Haar, schüttelt es!“ Und sie
schüttelten es, doch es war vergeblich und meine Haare sind bis heute noch
glatt, wie ihr sehen könnt.
Mein drittes Problem war, dass ich einen zu großen Mund hatte. Frauen aus gutem Hause
hatten schmale, kleine Münder. Mit großen Stolz erzählte sie, dass der Zahnarzt
ihr die Wange aufschlitzen musste, um ihre Backenzähne zu behandeln, weil er
durch den kleinen Mund nicht mit seinen Instrumenten hindurch kam. Das sie
keine Narbe hatte, hielt sie nicht davon ab, mir diese Geschichte aufzutischen.
Das waren also meine drei Probleme, erzählte mir Tante Joan, und es wird euch
jetzt sicherlich ganz furchtbar überraschen, dass ich diese Frau hasste. Ich
hasste sie mit einer solchen Inbrunst, mit einer solchen Leidenschaft! Jeden
Abend betete ich dafür, dass sie stirbt. Aber sie starb nicht, sondern sie kam
in ein Krankenhaus.
Ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich sehr
verschlechtert, also musste sie stationär behandelt werden. An dem Tag an dem
sie eingeliefert wurde, war die ganze Familie glückselig. Es war eine solche
Erleichterung zu spüren! Natürlich musste ich sie immer noch einmal die Woche
besuchen und musste mir anhören, wie schlimm alles war. Die Krankenschwestern
waren böse Bestien und die Medikamente waren die Falschen, die Ärzte waren
inkompetent und ich war ein ganz, ganz furchtbares Mädchen und das Brownbread,
der Kuchen, alles, was ich mitbrachte, war nicht gut. Sie bestand darauf, dass
ich die komplette Besuchszeit bei ihr absaß, um mir zu erzählen, wie schlecht
ich war. Eines Tages kaufte sie
Lotterielose. Das war an sich nichts besonders, denn sie kaufte immer Lose. Sie
wollte gerne nach Lourdes reisen, dass war ihr Traum. Aber diesmal hatte sie
nicht nur ein paar Lose gekauft, sie hatte zehn Stapel Lose gekauft. Und sie
erzählte mir: „Weißt du, als ich gestern den Rosenkranz betete, da kam mir der
Gedanke, und ich glaube, es war die die heilige Mutter Maria, die zu mir
sprach. Ich sage dir, ich werde gewinnen, ich werde nach Lourdes gehen, ich
werde geheilt werden und dann werde ich zurück kommen und bei euch leben.“ Mir
wurde furchtbar übel bei diesem Gedanken. Den ganzen Heimweg betete ich – nicht
zur Mutter Maria, denn die hatte offensichtlich schon an der Seite meiner Tante
Stellung bezogen, nein, ich musste mit der Obrigkeit sprechen. Ich ging auf dem
Heimweg in die Kirche und betete und betete: „Lass sie nicht gewinnen! Lass sie
nicht gewinnen!“
Aber sie gewann. Sie gewann und sie reiste nach Lourdes. Und
doch kam es alles etwas anders, als sie gedacht hatte. Sie wurde nicht geheilt
und nach ihrer Reise kam sie ins Krankenhaus zurück. Stattdessen war aber etwas
anderes geschehen: Tante Joan war wie ausgewechselt. Die Krankenschwestern
waren jetzt Engel und die Ärzte so gut und geduldig und ich, ich war jetzt so
ein schlaues Mädchen! „Das!“, flüsterten meine Eltern ehrfurchtsvoll, „Das ist
das wahre Wunder!“
Tante Joan wurde also nicht gesund und bald starb sie unter
großen Schmerzen, was auch in Ordnung war. Als ich aber nun vor einiger Zeit
überlegte, ob ich die Geschichte aufzuschreiben, da versuchte ich einmal, mich
in sie hineinzufühlen. Ihr wisst sicher, dass man als Autor gerne versucht, in
die Haut eines Charakters zu schlüpfen und das versuchte ich nun. Ich hielt es
nicht aus. Stellt euch das einmal vor, hochbetagt, verwitwet, ohne jegliches
Vermögen bei der Schwägerin, die einen nicht einmal ausstehen kann, leben zu
müssen, weil man von der eigenen Familie verstoßen wurde. Und dann immerzu
diese Schmerzen, keinen Finger bewegen zu können! Ich hab die Geschichte nicht
aufgeschrieben. Aber darüber nachzudenken, hat mir etwas gebracht. Ich hasse
Tante Joan nicht mehr."
Ein Moralseufzen geht durch das Publikum, bevor es tosenden Applaus für die Dame mit den drei Problemen gibt.
I got 99 problems, but a aunt aint one...
AntwortenLöschenyou're a lucky man... ;-)
AntwortenLöschendie ist aber auch echt gut, die Story !