Freitag, 16. September 2011

Tante Joan soll sterben

Und hier kommt die zweite Wunschgeschichte. 

Tante Joan soll sterben


Sie wird sehr herzlich angekündigt, denn sie war wohl schon oft zugegen, eine Profi Geschichtenerzählerin sozusagen. Unter großem Applaus betritt eine Dame mit kastanienbraunem, kurzen Haar die Bühne und hat eines dieser Gesichter, dazu eine dieser Stimmen, die Menschen sofort sympathisch machen. Aus ihrer Kindheit erzählt sie uns etwas: Die Geschichte von Tante Joan:

„Es war an meinem Geburtstag. Meine Mutter machte gerade meine Geburtstagstorte fertig, für die Feier am Nachmittag und als ich in die Küche kam, um zu schauen, wie sie vorankam, da sah ich, dass sie einen rosa Zuckerguss auf die Torte machte. Rosa! Ich war so glücklich! Meine Mutter glaubte nicht wirklich an rosa für Mädchen, aber das sie mir gestattete, rosa Zuckerguss auf meine Geburtstagstorte zu bekommen, das war für mich das Höchste. In diesem Moment läutete es an der Tür und Mutter schickte mich, um zu öffnen. Ich öffnete also die Tür, und da stand meine Tante Joan. Ich hatte sie erst einmal gesehen, für vielleicht fünf Minuten. Die Sache ist die, ich hatte eine Menge Onkel und Tanten, zwölf väterlicherseits und sicher genauso viele mütterlicherseits. Diese Tante Joan war die Frau des ältesten Bruders meiner Mutter. Da stand sie also. Sie war schon sehr, sehr alt und ihr Mann war bereits gestorben, sie hatte außerdem Arthritis und konnte ihre Finger kaum bewegen. Da stand sie und sagte: „Ich muss mit deiner Mutter sprechen.“ „Mutter ist in der Küche!“, antwortete ich und so begab sich Tante Joan in die Küche. Dort begann sie mit meiner Mutter zu flüstern und zu flüstern, ich versuchte angestrengt, vor der Tür zu lauschen, aber sie waren zu leise. Ich ging also in den Garten um zu spielen und nach einer Weile kam ich zurück, um zu sehen, ob sich etwas getan hatte. Meine Mutter war gerade dabei, etwas auf den Kuchen zu schreiben und Tante Joan stand hinter ihr und sagte ihr ins Ohr: „Haaaaaa…..peeeeee….peeeeee…..ypsiloooooon…. Beeeeeee….“, da wurde meine Mutter wütend: „Verdammt nochmal, Joan, ich weiß, wie man Happy Birthday schreibt!“ Ich verschwand also lieber wieder.

Am Nachmittag war also meine Feier und alles war schön, die rosa Geburtstagstorte schmeckte wunderbar und alles war vorbei, als mein Vater von der Arbeit heimkam. Zu dritt begannen die Erwachsenen nun wieder das Flüstern und irgendwann kam meine Mutter nun zu mir und sagte mit einem breiten Lächeln: „Tante Joan wird jetzt bei uns wohnen!“ Ich erkannte an der Art ihres Lächelns, dass das keineswegs ein Grund zur Freude war. Die Sache war also die, Joan hatte nach dem Tod ihres Mannes eine Weile bei ihrem Bruder gewohnt, doch der hatte sie nun herausgeworfen. Eine traurige Geschichte, dachte ich, bis ich merkte, warum er sie hinausgeworfen hatte. Lasst es mich so sagen: Tante Joan war keine besonders angenehme Person. Sie kam , und sie wurde nie müde, das zu betonen, aus einer guten Familie aus Cork und da konnten wir einfach nicht mithalten. 

Wir waren einfach nicht gut genug, egal, was wir taten, es war verkehrt. Irgendwann stellte sie fest, dass meine Eltern keine Ahnung von guter Erziehung hätten und nahm mich beiseite, um mir Manieren beizubringen. Wie ihr euch vorstellen könnt, war ich sehr glücklich darüber. Drei Probleme hatte ich, so sagte sie mir. Mein erstes Problem, und es gab nichts, dass ich hätte dagegen tun können, war, dass ich zu kräftig. Nicht zu dick, nein, dagegen hätte man etwas unternehmen können. Ich hätte hungern können. Aber nein, mein Problem waren meine Knochen, die waren zu dick. Frauen, so erklärte mir Tante Joan, müsste Vogelknöchelchen haben. So wie sie und all ihre Schwestern und Tanten, sie alle waren zarte Vogelweibchen. 

Mein zweites Problem war mein Haar, denn es war glatt und, so meinte Joan, glattes Haar ist ein Zeichen von Gewöhnlichkeit. Lockiges Haar war nicht viel besser, aber sie und alle ihre Schwestern und Tanten hatten leicht gewelltes Haar und das zeige Noblesse. Zu dieser Zeit gab es eine Läuseepidemie in der Schule, es war wirklich schlimm. Wenn man Läuse hatte, wurden einem alle Haare abgeschnitten und eine rote, stinkende Tinktur wurde einem auf den kahlen Kopf gegeben. Allerdings ging das Gerücht, dass einem danach die Haare in Locken wuchsen. Ich war also sehr bemüht, da ja mein glattes Haar so furchtbar gewöhnlich war, mir Läuse einzufangen. Als die Nachbarskinder Läuse bekamen, stand ich stundenlang unter ihrem Fenster und rief: „Schüttelt euer Haar, schüttelt es!“ Und sie schüttelten es, doch es war vergeblich und meine Haare sind bis heute noch glatt, wie ihr sehen könnt. 

Mein drittes Problem war, dass ich einen  zu großen Mund hatte. Frauen aus gutem Hause hatten schmale, kleine Münder. Mit großen Stolz erzählte sie, dass der Zahnarzt ihr die Wange aufschlitzen musste, um ihre Backenzähne zu behandeln, weil er durch den kleinen Mund nicht mit seinen Instrumenten hindurch kam. Das sie keine Narbe hatte, hielt sie nicht davon ab, mir diese Geschichte aufzutischen. Das waren also meine drei Probleme, erzählte mir Tante Joan, und es wird euch jetzt sicherlich ganz furchtbar überraschen, dass ich diese Frau hasste. Ich hasste sie mit einer solchen Inbrunst, mit einer solchen Leidenschaft! Jeden Abend betete ich dafür, dass sie stirbt. Aber sie starb nicht, sondern sie kam in ein Krankenhaus. 

Ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich sehr verschlechtert, also musste sie stationär behandelt werden. An dem Tag an dem sie eingeliefert wurde, war die ganze Familie glückselig. Es war eine solche Erleichterung zu spüren! Natürlich musste ich sie immer noch einmal die Woche besuchen und musste mir anhören, wie schlimm alles war. Die Krankenschwestern waren böse Bestien und die Medikamente waren die Falschen, die Ärzte waren inkompetent und ich war ein ganz, ganz furchtbares Mädchen und das Brownbread, der Kuchen, alles, was ich mitbrachte, war nicht gut. Sie bestand darauf, dass ich die komplette Besuchszeit bei ihr absaß, um mir zu erzählen, wie schlecht ich war.  Eines Tages kaufte sie Lotterielose. Das war an sich nichts besonders, denn sie kaufte immer Lose. Sie wollte gerne nach Lourdes reisen, dass war ihr Traum. Aber diesmal hatte sie nicht nur ein paar Lose gekauft, sie hatte zehn Stapel Lose gekauft. Und sie erzählte mir: „Weißt du, als ich gestern den Rosenkranz betete, da kam mir der Gedanke, und ich glaube, es war die die heilige Mutter Maria, die zu mir sprach. Ich sage dir, ich werde gewinnen, ich werde nach Lourdes gehen, ich werde geheilt werden und dann werde ich zurück kommen und bei euch leben.“ Mir wurde furchtbar übel bei diesem Gedanken. Den ganzen Heimweg betete ich – nicht zur Mutter Maria, denn die hatte offensichtlich schon an der Seite meiner Tante Stellung bezogen, nein, ich musste mit der Obrigkeit sprechen. Ich ging auf dem Heimweg in die Kirche und betete und betete: „Lass sie nicht gewinnen! Lass sie nicht gewinnen!“ 

Aber sie gewann. Sie gewann und sie reiste nach Lourdes. Und doch kam es alles etwas anders, als sie gedacht hatte. Sie wurde nicht geheilt und nach ihrer Reise kam sie ins Krankenhaus zurück. Stattdessen war aber etwas anderes geschehen: Tante Joan war wie ausgewechselt. Die Krankenschwestern waren jetzt Engel und die Ärzte so gut und geduldig und ich, ich war jetzt so ein schlaues Mädchen! „Das!“, flüsterten meine Eltern ehrfurchtsvoll, „Das ist das wahre Wunder!“

Tante Joan wurde also nicht gesund und bald starb sie unter großen Schmerzen, was auch in Ordnung war. Als ich aber nun vor einiger Zeit überlegte, ob ich die Geschichte aufzuschreiben, da versuchte ich einmal, mich in sie hineinzufühlen. Ihr wisst sicher, dass man als Autor gerne versucht, in die Haut eines Charakters zu schlüpfen und das versuchte ich nun. Ich hielt es nicht aus. Stellt euch das einmal vor, hochbetagt, verwitwet, ohne jegliches Vermögen bei der Schwägerin, die einen nicht einmal ausstehen kann, leben zu müssen, weil man von der eigenen Familie verstoßen wurde. Und dann immerzu diese Schmerzen, keinen Finger bewegen zu können! Ich hab die Geschichte nicht aufgeschrieben. Aber darüber nachzudenken, hat mir etwas gebracht. Ich hasse Tante Joan nicht mehr."

Ein Moralseufzen geht durch das Publikum, bevor es tosenden Applaus für die Dame mit den drei Problemen gibt. 
  

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