Freitag, 12. August 2011

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

"Halloha!", es klingt wie "Aloha!", ist ein beliebter Ausruf in der Creche. Immer wenn die Kinder sich gerade nicht sehr vorzeigbar verhalten, kommt ein "Halloha, lots!" im Sinne von "Sage mal, habt ihr noch alle Tassen im Schrank?" geschossen. Man gewöhnt es sich leicht an. Ich bin im Middle Room, Jessica und ich sollen uns nun immer abwechseln: Mal bei den M's, mal bei den Pre-M's. An und für sich ist das kein Problem, wenn es nicht so unglaublich langweilig wäre. Singen, spielen, Brei und Bettchen.

In der lunch break geht es zum Ausklang der Woche ins "Abrakebabra", wo die Preise für ein Mittagessen halbwegs vernünftig sind, dann noch mal bis drei in die Arbeit. Jessica hat neue Informationen aus der "Inneren", wir sind wohl nicht die einzigen, die mit Sarah nicht so ganz klar kommen. Außerdem beschließen wir, die Entwicklung der Kinder für uns ein wenig zu protokollieren, um einfach mal etwas Konkretes zu tun zu haben und weil uns es auch interessiert, was innerhalb von sechs bis acht Wochen so mit einem Kind geschieht.

Am Abend gehe ich mit Isaidi und Isabella zu einer Benefizveranstaltung "Reflections on Freedom". Es geht um Kindergefängnisse auf den Philippinen und darum , wie das "Praeda" Projekt die Kinder da raus holt und in therapeutischen Einrichtungen versorgt. Um dieses Projekt zu unterstützen, haben sich einige Künstler zusammen getan um einen Abend zu gestalten. Unterhaltung gibt es an diesem Abend kostenlos, die ausgestellten Bilder kann man aber kaufen. So weit, so gut.

Wir werden mit Wein begrüßt, und das begrüßen wir. Dann folgt jedoch ein Ansprachenmarathon, der sich gewaschen hat. Erst wird etwas über das Haus, dann über das Projekt, dann über das Land, dann... also es wird sehr viel über Vieles gesagt und ganze sechs Redner geben sich gegenseitig Mikro und Klinke in die Hand. Beim letzten Redner erlebe ich so etwas wie einen handfesten Schwächeanfall, vor meinen Augen dreht sich alles, auf den Ohren entsteht ein seltsamer Druck, mir wird etwas übel. Ich tauche ab, gehe in die Hocke und täusche vor, etwas aus meinem Rucksack zu holen, tatsächlich aber atme ich tief durch und warte ab, bis das Schwindelgefühl weg ist. Das dauert nur fünf Minuten, danach ist sowohl der Anfall als auch das Reden vorbei. Der Hammer kommt zum Schluss, jedes Bild kostet 250 Euro. Die Veranstaltung ist eröffnet.

Im Nebenraum beginnt eine Tanzveranstaltung, Isaidi hat Gott sei Dank Sitzplätze arrangiert und nun gehen auch Bruschettas und Käsestückchen herum. Da erhole ich mich prompt. Dann kommt der Tanz. Es ist eine Mischung aus heilendem Yoga und synergischem Tanz. Chakren haben wohl auch damit zu tun. Das Ganze findet in drei Liedern statt.

Zum ersten Lied wälzen sich die drei Tänzerinnen auf dem Boden wie Raupen, die einen Regenbogen verschluckt haben, sie tasten den Fußboden ab und strecken dabei ihren Po anmutig in die Höhe. Mich durchzuckt es kurz, aber nein, da darf man natürlich nicht lachen. Ich sitze immerhin in der ersten Reihe. So ernste Themen und dann diese Gymnastikstunde aus den 70ern, ihr wollt mich doch ärgern. Und wirklich werden die Raupen dann auch zu Schmetterlingen, schnüren sich farbige Tücher um die Hüfte und pflücken sich imaginäre Äpfel vom Baum. Nach einem Schwächeanfall muss ich jetzt also gegen einen Lachkrampf ankämpfen und wer mich gut kennt, weiß, wie schwer mir so etwas fällt. Aber ich obsiege.

Es geht weiter mit Gesang, Ansprachen, Poesie: Menschen, die nie eingesperrt waren, dichten über Freiheit, dementsprechend utopisch hallen nichtssagende Verse durch den Raum. Wir halten uns mit Wein und Bruschetta über Wasser, Isabella bringt es nach einem Applaus auf den Punkt: "I feel like in a wedding of people I don't know" (Ich fühle mich wie auf einer Hochzeit von Menschen, die ich nicht kenne). Wir haben dennoch Spaß. Eine Poetin schafft es dann auch, uns zu begeistern, denn ihre Gedichte handeln nicht vom Ruf nach Freiheit, sondern von dem Tag, an dem ihre Tochter einen Globus geschenkt bekam und ihn in mit ihrem kindlichen Vokabular einen Erdenball nannte. Sie schrieb ihr das Gedicht um sie später, wenn sie längst gelernt hätte, es einen Globus zu nennen, daran zu erinnern, dass es mal eine Welt voller einfacher Wörter und schöner Ansichten gab. Die Gedichte dieser Dame sind schön und authentisch, wir sprechen sie später am Abend noch persönlich an um ihr für diesen Lichtblick zu danken, sie ist sehr gerührt.

Mit Mädchen aus Venezuela unterwegs zu sein hat dann denselben Effekt wie die vorherigen Nächte, unsere heitere Truppe wird automatisch angesprochen. Wo kommen wir her, was machen wir hier? Der ältere Ire, der es heute wagt, spricht ein wenig Deutsch, ein wenig Spanisch, ein wenig Französisch, ein wenig Italienisch.  Er war schon auf der Zugspitze und auf dem "Bierfest". Und in Mittenwald. Südamerika ist ein schönes Land, meint er. Wir werfen uns sprechende Blicke zu.

Nach einer Filmvorführung, deren Exponat  sich wage mit dem Ausspruch "...for peace is dropping slowly" beschäftigt, machen wir uns lachend auf den Heimweg. Wein gab's, Essen gab's und Isabella hat sogar einen kostenlosen Kugelschreiber abgestaubt. Für uns war der Abend also ein Triumph.

Was die Ausstellung angeht, das ist ja alles gut gemeint und der Zweck heiligt ja bekanntlich so manche Mittel, aber Pauschalpreise für Amateurkunstwerke solcher Art, das gibt es doch nur bei den Benefizianern. Oder?



Ich rufe zum Gedichtwettbewerb auf, das Thema ist Freiheit, ihr habt eine Woche Zeit und der Gewinner bekommt einen Überraschungspreis aus Irland. Ich bin mir nämlich totsicher, dass ihr das alle besser könnt, als diese Gurken, die ich heute hören musste.

Schöner Tag.

Gute Nacht.

2 Kommentare:

  1. Äh ja. Kurze Frage: Freiheit zu oder Freiheit von? Das müssten wir ja jetzt schon noch klären, gell...

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  2. Du alter Theologe wirst gleich mal disqualifiziert für diese COe Frage. ;-)
    Geht beides.

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