Eine übertrieben dramatisierende Stimme mit irischem Akzent erklärt mir, wer die Dame mit dem Handwagen voller Körbe ist. Ich mache ein Foto. Ein Mann, der die Hände zum Himmel reckt. Foto. Eine überdimensionale Stricknadel. Foto. Die Stimme drückt sich gewählt aus, sie sagt so schöne Sachen wie: „Wenn die Ampeln dir wohlgesonnen sind, überquere die Straße.“ Mach ich.
Ich bin auf dem Weg zum Croke Park, dem Stadion, indem so ziemlich alles stattfindet, was es an irischen Sportarten gibt. Den Weg dorthin lasse ich mir von einer Aufnahme erklären, die ich von der Seite visitdublin.com heruntergeladen habe und so erfahre ich auch gleich, wo die Unruhen stattgefunden haben und wo man die Einschusslöcher aus dieser Zeit finden kann. Dass man für das überqueren einer Brücke über die Liffey damals einen Penny zahlen musste. Dass die Vikinger, wenn sie mit jemandem Frieden geschlossen haben, symbolisch Waffen ins Wasser warfen. Dass alle Distanzrechnungen, die von Dublin aus gemacht werden, vom Punkt des General Post Office gemacht werden. Dass James Joyce auf das Belvedere College ging. Dass es sich bei der riesigen Nadel, die in den Himmel ragt, wohl irgendwie um das Millenium geht. Warum sie dann aber erst 2002 gebaut wurde, kann ich einen Audioguide leider schlecht fragen. Als ich endlich in die Nähe des Croke Park komme, schwant mir Übles, denn viele Menschen sind hier in Trikots unterwegs und singen patriotisch anmutende Lieder.
Spieltag heißt meine Ernüchterung, nur mit speziellen Tickets kommt man da ins Croke Park Museum und eine Stadionführung findet dann natürlich nicht statt.
Na gut. Stattdessen mache ich mich auf den Weg in die Dublin City Gallery, oder auch Hugh Lane Gallery. Da ist der Eintritt frei und die aktuelle Ausstellung läuft unter dem Titel „Women of Substance“. Fotografieren darf ich dort leider nicht, deshalb schreibe ich mir die Namen der Bilder, die ich gut finde, in meinem Notizbuch auf und suche sie später im Internet.
In einem Extraflügel des Museums befindet sich das Studio von Francis Bacon. Das wurde nach seinem Tod von seinem Bruder dem Museum vermacht und wenn ich es richtig verstanden habe, wurde also der Raum, in dem Bacon gemalt hat, komplett ins Museum geschafft. Samt Wänden. Dieses Studio ist mit den Augen einer deutschen Hausfrau betrachtet einfach nur ein Saustall, aber so hatte es der gute Bacon (mmh, Bacon) wohl gern. Dreckiges Geschirr fand er nicht gut, aber zum Arbeiten hat er eine chaotische Atmosphäre benötigt. Na, wenn er meint. Seinen Bildern kann ich leider nichts abgewinnen, dafür dass er in den Videoexponaten viel von lebendigen Strukturen und kraftvollen Pinselstrichen spricht, sind die ausgestellten Ergebnisse eher fad. Vermutlich steinigen mich jetzt die Kunstkenner, aber Bacons Bilder langweilen mich.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich nun schon eine ganze Weile gelaufen und trete den Weg zurück ins Hostel an. Unterwegs denke ich darüber nach, wie praktisch doch Beine sind und was die alles aushalten. Seit neun Uhr bin ich unterwegs, es ist nun drei Uhr am Nachmittag und die Teile können noch. Der Magen kann auch noch gerade so, aber an Subway und McDonalds vorbeiziehend wird es doch schon schwierig. Ich bleibe aber brav. Auf dem letzten Stück der Strecke gibt es dann ein Vorkommnis. Ein Schwarzer quatscht mich an. Ich kenne das schon. Diesen einen Schwarzen gibt es in jeder Stadt. Und alle seine schwarzen Schwestern und Brüder sind nette Menschen. Aber es gibt immer diesen einen, speziellen Schwarzen, der dich einfach so anquatscht und der will dich immer, immer flachlegen. Das fängt an mit „How are you“ und geht nahtlos weiter mit „You are so beautiful“. Wer mir das als rassistisches Vorurteil auslegt, hat es einfach nicht so oft erlebt. Und dieses Exemplar war besonders hartnäckig. Das lief ungefähr wie folgt:
Er: Hey, how are you?
Ich: -
Er: Do you speak English?
Ich: Deutsch.
Er: What?
Ich: Ich sprech nur Deutsch.
Er: Where do you come from?
Ich: Ich versteh dich nicht.
Er: Are you from Holland?
Ich: Ich komm aus Deutschland.
Er: Are you from Germany?
Ich: Ich komm aus Deutschland.
Er: Sweden?
Ich: Deutschland.
Er: Not Sweden?
Ich: Sag mal, was willstn du überhaupt von mir?
Er: How long are you staying?
Ich: Hör mal, Freundchen, ich komm aus Deutschland und sprech nur Deutsch. Wenn du kein Deutsch kannst, können wir uns nicht unterhalten.
Auf diesen langen, verärgerten Schwall hin ist er dann etwas unsicher geworden, hat beim Straßenwechsel noch „See ya“ gerufen und als er aus der Sichtweite entschwunden ist, musste er mir auch vorher noch mal winken.
Fast hätte ich schlechte Laune bekommen.
Dann aber gab es Schinkensandwich.



Wenn die Ampeln dir wohlgesonnen sind ... Schön.
AntwortenLöschenDeine Foto-Zusammenstellungen sind immer sehr schön, fleißig weiter knipsen!
Und wenn du ab und zu mal kein Englisch kannst ist mir das ganz recht ;)