Jedes Kind hat ein Color-Sheet-Set mit Ausmalvorlagen, drei Vorlagen insgesamt, einmal Delphine, einmal Fische, zum Schluss ein Wal. Die Kinder malen mit dicken Crayons, also Wachsmalstiften, die Bilder aus und werden dazu ermahnt, bei ihren Arbeiten nicht die Linien zu übermalen. Sarah sitz mit am Tisch und mal ihrerseits die Vorlagen aus. Aishling und ich sitzen daneben. Für uns haben die Vorlagen wohl nicht gereicht. Ich langweile mich zu Tode und für den Fall, dass es Aishling nicht tut, langweile ich mich vorsichtshalber für sie gleich mit. Langsam erhärtet sich der Verdacht, dass das Regiment über die M’s (die Montessoris, das kann man unmöglich immer ausschreiben) Sarah gehört und das Aishling nicht immer hunderprozentig damit einverstanden ist. Zum Glück ist Sarah schwanger und daher bald im Urlaub.
In der lunch break unterhalte ich mich mit Jessica, es wird zum Ritual, dass wir im Hostel Sandwiches essen, nur Freitags wollen wir, um die Woche zu beenden, ins Diner gehen. Wir beschließen, mehr über die Strukturen in der Creche herauszufinden – "German Spies, at your service".
Am Nachmittag gehen wir in den Pet Shop, dort dürfe sich die Kinder Fische, Hamster und Wellensittiche anschauen, aber eigentlich sind wir da, weil Sarah noch Hundekekse kaufen möchte. Mein kleiner Liebling, der sich, wie ich nun herausgefunden habe, Daragh schreibt (was schon gar nicht mehr ganz so exotisch ist), fährt heute nach Kerry in den Urlaub. Gegen drei schlürfe ich ins Hostel zurück.
Das Hostel.
Ich bin nun schon seit zwei Wochen hier und konnte einige Dinge beobachten. Zum einen, dass es hier Dauergäste gibt, die mittlerweile den Stand des „Wohnens“ erreicht haben dürften. Zu ihnen gehört eine brasilianische Familie, eine Horde Spanier und Quasimodo.
Quasimodo ist unser Held. Isaidi und ich flüchten regelmäßig den Gemeinschaftsraum um uns im Flur schon krank zu lachen. Er ist der schlürfende Gnom, der so aussieht, als wäre er immer schon ein wenig zu alt für alles gewesen. Nie ist er rasiert. Immer läuft er in Shorts durch die Welt. Und scheinbar hat er nichts zu tun, außer dann und wann durch die Gänge zu watscheln. Für uns ist er so Quasimodo geworden, der ein seltsames Notre Dame bewacht. Er scheint sich außerdem auf mich eingeschossen zu haben, denn ständig fallen ihm Themen ein, die er unbedingt mit mir besprechen will. „Da ist genau die Person, nach der ich gesucht habe!“, meint er einmal und überreicht mir einen Zettel, auf dem seine Mailadresse und seine Telefonnummer stehen. „Ich weiß ja nicht, wie viele Freunde du in Dublin hast, aber falls du mal Hilfe brauchst, du hast ja gemeint, dass du zwei Monate da bist…naja, wenn du was brauchst.“ Ich gebe mir Mühe, nicht zu lachen und schaue mir den Zettel an. Er hat exakt den Namen des ältesten Sohns einer in Deutschland sehr bekannten, irischstämmigen Großfamilie, Stichwort Hausboot. Im Zimmer halte ich Isaidi triumphierend den Zettel unter die Nase: „Das mit mir und Quasimodo scheint wirklich was zu werden, ich freu mich so!“ Lachflash. Isaidi hat derweil mit einem Kubaner zu tun, der ihr bei jeder Gelegenheit erzählt, er träume doch nachts von ihr und wann sie endlich zu ihm komme…
Mein lieber Scholli, die Herren haben echt Nerven. Aber das female dormitory ist ein sicherer Schutzwall zwischen uns und unseren Verehrern.
Am Nachmittag gehe ich ins Stephen‘s Green Shopping Center, denn noch ist Summer Sale und drei Pullover und eine Hose zusammen für 38 Euronen ergattern kann man sonst selten. Mittlerweile habe ich auch langsam die Größeneinheiten verstanden und finde auf Anhieb passende Teile.
Die Arbeit an der Hausarbeit vereinnahmt den Rest des Tages, danach bin ich tot. Zwei Österreicherinnen kullern uns ins Zimmer, sie bleiben für eine Woche und ziehen dann weiter nach Amsterdam. „Was wir schon an Hostels gewöhnt sind!“, erzählt mir eine von ihnen. „An der Westküste, ein Vierbettzimmer, das war so groß wie hier der Vorraum, die Betten standen so dicht aneinander, dass wir nicht wussten, wie wir uns bewegen, geschweige denn, wo wir unsere Rucksäcke hinlegen sollen. Dann war das Badezimmer gleich hinter den Betten und die Tür auf der Höhe meines Bettes, nach dem Duschen war plötzlich mein Bett nass! Das Wasser hatte es da oben durchgedrückt. Und im Bad! Ein riesiges Fenster, raus auf den Hinterhof, wo es einen Pub gab. Da standen dann die Raucher und konnten uns schön beim Duschen zuschauen. Ich hab dann im nassen Bett geschlafen. Also, das war vielleicht was…“ Sie sind wohl öfter als Backpacker unterwegs. Da sieht und erlebt man viel.
Ich baue mir aus Handtüchern einen Vorhang zu meinem Bett, krabble hinein und ziehe diesen zu. Mit Musik im Ohr kann ich jetzt so tun, als hätte ich mein eigenes kleines Zimmer, das ist ganz angenehm.
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