Aishling schaut mich verstört an und ich begreife: Wenn du Probleme hast, geh zum Therapeuten, aber fang bloß kein konstruktives Gespräch an. Nicht in Irland. Nicht in diesem Kindergarten.
Ich habe ihr gerade in der Küche anvertraut, dass ich das Gefühl habe, dass einige Mitarbeiter nicht ganz mit unserer Präsenz einverstanden sind und das wir das Gefühl haben, etwas falsch zu machen. Wie bitte? Nein. Meinen wir damit etwa sie? Sie weiß jetzt wirklich nicht, was ich meine. Nein, nein. Studenten sind hier immer willkommen. Die Leute haben vielleicht nur einen schlechten Tag. Aber nein, niemand hat etwas gegen uns. Wer soll denn das sein? Sie ja wohl nicht. Nee, nee.
Leise präzisiere ich: "Es ist Sarah." Aishling rollt die Augen. "Also, Sarah ist schwanger und nicht mehr lange da...", murmelt sie und ihr Blick sagt: Halt bloß die Klappe, Mädel. Du hast ja keine Ahnung.
Wir verlassen die Creche und Maxi, die Zeuge des Gesprächs geworden ist, meint nur: "So typisch. Oh, mein Gott, was erzählst du mir da!" Es ist die Standard Reaktion, die ich da abgefangen habe. So sind nun mal die Regeln:
1. Kratz ja nicht an der Illusion, dass hier alle zufrieden und glücklich sind.
2. Manche Dinge sind unaussprechlich.
"Was unterhalb vom Bauch und oberhalb vom Hals ist, das wird hier nicht angesprochen."
Uns soll's egal sein, denn wir haben den Nachmittag frei bekommen, weil wir in die Oper gehen. In die Oper? So mit richtig schick anziehen und allem drum und dran? Nee. Wir gehen in die "Opera in the Open" , eine kostenlose Open Air Veranstaltung, die an jedem Donnerstag im August stattfindet. Heute wird eine stark komprimierte Version von "Dido & Aeneas" gezeigt, zu Beginn erklärt man uns schnell die an den Haaren herbeigezogene Handlung, dann geht es los. In minimaler Besetzung wird fein gesungen. Jessica und Maxi waren noch nie in der Oper und sind von ihrem Erstkontakt auch nicht besonders begeistert. Auch ich hadere, zwar ist die Gratisoper eine schöne Idee, aber Purcells Musik nicht wirklich mein Fall. Ich ärgere mich, dass ich "Carmen" und "Tosca" verpasst habe, die die Donnerstage zuvor liefen. Nächste Woche gäbe es "Figaro", ob wir da noch mal frei bekommen? Trotz allem ist die Inszenierung ganz hübsch und die Mädels freuen sich, wenn auch nicht so sehr über die Oper an sich, aber zumindest über den Status: In der Oper in Dublin gewesen. "Richtig nett", sagt Maxi und bei ihr ist dieser Satz, leicht berlinert, ein Gütesiegel erster Klasse.
Wir begeben uns in den Avoca Shop, der so schön und so teuer ist, dass man ganz traurig werden muss, wenn man kein Geld für solch liebenswerten Luxus hat. Gerade ein kleines, wunderschönes Notizbuch kann ich mir leisten, der Rest verschließt sich meiner Kaufkraft.
Eigentlich wollte ich mit den Mädels heute mitgehen, mir mal anschauen, wo sie hausen. Dann bin aber doch so unglaublich müde, dass wir das auf Freitag verschieben. Ich gehe ins Hostel und schlafe durch von vier bis acht. Das ist nicht ganz unbegründet, denn ein Kratzen in meinem Hals deutet mir an: Du könntest krank werden, Madame.
Als ich um acht erwache, habe ich eine neue Zimmergenossin bekommen. Sie heißt Laurena und ist aus Chile. Sie liebt die deutsche Sprache und ich, so meint sie, wäre die erste Deutsche die sie trifft, die Deutsch auch für eine schöne Sprache hält. "Sonst schauen mich die Deutsche immer komisch an: WAS, du findest unsere Sprache schön? Aber die ist doch so abgehackt und unförmig!" Jaja, die Deutschen.
Laurena erzählt mir von England. Da war sie schon und hat unglaublich viele Single Mothers mit ihren Kindern gesehen. Das hat sie gewundert, bis es ein Freund ihr erklärte: In England bekommt man wohl als Single Mom so eine gute finanzielle Unterstützung vom Staat, dass viele Frauen sich direkt ein Kind anschaffen, um ihre soziale Lage zu verbessern. Dementsprechend wird dann auch mit dem Kind umgegangen. Unfassbar. "Für jedes gute Gesetz, dass die Regierung verabschiedet, gibt es Leute, die es ausnutzen. Wundert es einen dann noch, dass die guten Gesetze aussterben?"
Wir unterhalten uns bis weit nach Mitternacht. Über Chile, über die Iren, über Jobs, Deutschland und Filme. Laurena ist Fan von Daniel Brühl, überhaupt Fan von deutschen Filmen. Sie erzählt mir stolz, dass sie "Goodbye, Lenin!" gesehen hat. Ich bin beeindruckt. Aber dann wird es doch langsam zu spät und zu kalt, ich springe unter meine Bettdecke und rolle mich, einem Igel gleich, zusammen. Was man doch hier immer für Menschen trifft. Und was die alle so machen. Erstaunlich.

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