Freitag, 5. August 2011

Feierst du was? – Mich SELBST!

Wir spazieren mit den Kindern durch den Park, ich habe George und Lia bei der Hand. Nachdem der Park durchquert ist, laufen wir an der Straße entlang zurück, was mich erst wundert, dann aber einen Sinn ergibt. An einer besonderen Ecke setzen sich alle Kinder auf die Treppe eines der Häuser und warten mit unglaublicher Begeisterung auf die Straßenbahn. Die kommt läutend (es schlägt tatsächlich eine altmodisch anmutende Glocke in einem hellen „ting-tong!“, durch das sich die Tram ankündigt) vorbeigefahren und die Kinder winken wie bekloppt den Passagieren.  Das machen sie insgesamt bei drei Bahnen und bei der dritten platze ich dann vor Lachen, denn die Gesichter der Insassen sind jenseits von gut und böse. Das geht von „hääääh?“ zu „ooooh“ und endet bei einem verwirrten Zurückwinken. Nur die Fahrer sind schon geübt und geben den Handwerkergruß. Wofür man doch so ein Kleinkind alles begeistern kann.

Überhaupt ist das dann doch etwas, was mich an der Creche begeistert. Die Lütten haben Struktur und sind nicht traurig damit. Es gibt genaue Abläufe, doch innerhalb der einzelnen Tagespunkte ist noch genug Wahlmöglichkeit. Aishling erklärt mir das Prinzip: Die Kinder sind teilweise von neun bis sechs da, das heißt, sie haben einen unglaublich langen Tag. Wenn die durchgängig machen könnten was sie wollen, langweilen die sich irgendwann zu Tode. Deshalb sind zu bestimmten Zeiten nur bestimmte Dinge erlaubt und wenn es heißt, jeder sucht sich ein Puzzle raus, dann hat sich eben jeder ein Puzzle zu nehmen. Das akzeptieren die Kinder auch – es gibt zwar immer einen, der ausgerechnet dann LEGO spielen will, aber den einen Ausreißer dann vom Puzzlen zu überzeugen, ist eine der geringsten Übungen.

Ich bekomme auch erklärt, dass gerade noch das Sommerprogramm läuft. Die Montessori Einheiten kommen im September wieder, dann lernen die Kinder, wie man sich pflegt, auf Andere achtet, die Feinmotorik verbessert, etc. Garreth zum Beispiel muss wohl vor einigen Monaten noch ein motorisches Desaster gewesen sein – das Essen im ganzen Gesicht verteilt und permanent in Windeln. Jetzt hat er das Essen nur noch im halben Gesicht und geht auf die Toilette.

An den Wänden und Türen der Creche hängen Konzeptposter , Aktivitäten-Übersichten, Regeln, Erläuterungen. Es gibt wohl auch ein Buch, in dem der optimale Lauf beschrieben ist, aber Aishling verdreht die Augen, wenn sie davon erzählt und lacht. Eine Inspekteuse wäre wohl mal da gewesen, es gibt strenge Vorschriften für die Vorschulen. „She wasn’t a nice person“, meint Aishling und ich glaube es ihr, man kennt es ja.  Wenn die Theoretiker mal in die Praxis fallen…
Sie regt sich auch ein wenig über die Mitarbeit im Team auf – es sind immer diesselben, die nach dem Essen die Teller waschen, immer dieselben die am Abend die Spielzeuge desinfizieren, den Boden putzen, für Sauberkeit sorgen. „Die Eltern müssen durch diese Küche durch, wenn sie ihre Kinder hier herbringen. Sie sehen uns zehn Minuten am Tag: Fünf Minuten morgens, fünf Minuten abends. Da muss das hier gut ausschauen, sonst haben wir ein Problem. Und wenn es dann Leute gibt, die ihre Sachen immer nur in der Küche abladen…“ Das macht sie merklich wütend.

Den Nachmittag verbringe ich komplett im Internet, bevor es wieder zusammenbricht, was immer so gegen Acht geschieht, weil dann fünf Leute gleichzeitig surfen. Als dieser Punkt erreicht ist, ziehe ich mich aufs Zimmer zurück und arbeite an meinem Praktikumsbericht, den ich noch bis Ende August abgeben muss. Dann schneien die Brasilianerinnen wieder herein. Erst rede ich mit der Tochter, Natalie. Ihr Jahr in Deutschland war nicht so toll, sie hatte immer wieder Probleme mit ihren Gastfamilien, hat zweimal gewechselt und ist dabei nie so richtig glücklich geworden. Dafür ist sie viel gereist, sie kennt sich gut aus in Deutschland, auch im Osten war sie. Ob sie was über die Teilung Deutschlands weiß? Ja, viel. Ich erzähle ihr von meiner Zulassungsarbeit, sie findet das spannend.  Ich kann mich mit ihr problemlos auf Deutsch unterhalten, aber dass sie es gut spricht, glaubt sie mir nicht.

Später unterhalte ich mich mit der Mutter. Sie hat schon dreimal deutsche Mädchen aufgenommen, zu zweien davon haben sie noch regelmäßig Kontakt. Ich will wissen, wie sie vor und nach den Aufenthalten von den Deutschen gedacht hat. „Ich hatte dieses Bild, das war vorher, ich dachte, Deutsche sind sehr verschlossen, sehr ernst. Jetzt denke ich, sie sind sehr freundlich, lustig.“ Später fügt sie hinzu, dass sie sie auch für autoritär gehalten hat. Sie hat so viele Bücher über den Krieg gelesen, das hat das Image bestärkt. „Trotzdem“, meint sie „sind ein paar Dinge wahr. Die Deutschen arbeiten viel, sie sind sehr intelligent, sie nehmen die Arbeit sehr ernst, wollen was erreichen.“ Ich nicke dazu. Wie ich denn die Brasilianer einschätze, will sie wissen. Oje. Ich hole Klischees von Sonne, Strand und Karneval hervor. Sie mag den Karneval nicht, sie findet nur gut, dass es da freie Tage gibt. Aber sie kennt das, sie hat Deutsch  in Portugiesisch unterrichtet und ihre Vorher-Nachher Eindrücke gesammelt. „Die denken, Brasilien ist ein Jungle und arm. Sie werden positiv überrascht.“ 

Wir reden weiter über die Abstraktheit von Finanz-und Wirtschaftskrisen, über absurde amerikanische Hypothesen und darüber, warum die Franzosen keiner mag.  Sie rät mir, im Hostel zu bleiben: „Hier hast du keine Verpflichtungen. In einer Gastfamilie könntest du nicht so gut unabhängig arbeiten. Und es kommen ständig neue Leute und du kannst selbst entscheiden, ob du sie kennenlernen willst, oder nicht.“

Sehr wahr. Ich stelle fest, dass ich gut klar komme und die erste Woche ist nun beinahe vorbei. Es ist schade, dass die Brasilianerinnen am Samstag weiterreisen (nach Holland und Belgien), aber wer weiß, was mir da noch alles ins Zimmer fliegt. Langweilig wird es hier schon mal nicht.
Ich mache den Weißwein auf, den ich schon vor ein paar Tagen gekauft habe.

„Feierst du was?“, fragt Natalie.

„Mich selbst!“, rufe ich und die beiden lachen.

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