In der Nacht um drei geht das Licht an, Menschen huschen und flüstern. Die Brasilianerinnen machen sich fertig, ihr Bus geht um vier, ihr Flug geht um sechs, sie wollen nach Holland. Ich drehe mich weg.
Am Morgen um neun wache ich wieder auf, gleichzeitig mit Isaidi, dem Mädchen aus Venezuela. Sie hat mir gestern Abend noch ihren Namen aufgeschrieben, dazu den von ihrer Freundin Isabella, die vielleicht eine Idee für Übernachtungen im September hat. Isaidi krabbelt ins Bett zurück, vorher fragt sie mich noch, ob ich am Nachmittag mit auf ein Festival nach Dun Laoghaire kommen möchte. Dun Laoghaire liegt in der Küstengegend Dublins und spricht sich eher wie Don Larry. Ich werfe meinen Croke Park Plan über den Haufen und sage zu. Dann gehe ich joggen, zum ersten Mal in Dublin, einfach die Straßen entlang und eine Runde durch den Stephen’s Green Park. Das macht Spaß. Ich fühle mich dublinisch, heute.
Das Frühstück ist wie erwartet eine Massenveranstaltung, unser Zimmer war die Nacht bereits voll belegt, die anderen werden es auch gewesen sein. Dementsprechend tummelt sich nun die Meute um Toast und Marmelade. Ich quetsche mich dazu und lasse mir von einem Spanier Kaffee geben. „Anything else?“ fragt er wie ein Butler. Gleich lassen sich alle Mädchen am Tisch von ihm bedienen und er wird wohl nie wieder fragen, ob jemand etwas von seinem Kaffee haben will.
Nach dem Frühstück lese ich, denn draußen hat es zu regnen begonnen. Ich zweifle schon an der Festivaltauglichkeit des Tages. Gegen Mittag werde ich so müde, dass ich noch einmal einschlafe. Dann kommt Isaidi von ihrer Statuentätigkeit zurück, sie hat Blumen dabei. Ein verrückter Freund von ihr hat ihr die gebracht. Sie kann mit einer so altmodischen Geste nichts anfangen. „Der soll mir Geld bringen. Was will ich denn hier mit Blumen? Soll ich die in die Mitte des Raumes stellen?“ Sie lacht sich halb tot. Wir ziehen los und holen am Shopping Center Isabella ab. Die ist auch aus Venezuela, bleibt aber länger in Dublin, weil sie noch an einem Studentenprogramm teilnimmt. Wir verstehen uns auf Anhieb gut miteinander. Wir reden über Arbeit mit Kindern, über Aufklärung, über Musik und Sprachen. Isabella findet Deutsch schön. „Von einem Deutschen gesprochen klingt Deutsch wunderbar.“, sagt sie. Ihre Zimmergenossin ist Deutsche und sie hört ihr liebend gern beim Telefonieren auf Deutsch zu. Isaidi war auch schon in Deutschland, in Essen, Münster, Köln, Berlin. Sie fand das Rathaus witzig – rat house, ein Haus voller Ratten. In Holland hat sie über die Rabobank gelacht, den Rabo bedeutet bei ihnen wohl „Hintern“. „Was, ihr schiebt euch das Geld in den Hintern?“
In Dun Laoghaire regnet es aus Kannen und wir warten im „Tea Room“ mit Kaffee und Tee darauf, das es aufhört. Das tut es gegen sieben Uhr. Um acht beginnt ein slowakisches „Festival“, eigentlich ist es nur der Auftritt einer Band, der Rest wurde wohl aufgrund des Regens gar nicht erst aufgebaut. Wir haben trotzdem Spaß. Die Band heißt Vladimir und mischt Klassik mit Pop. 3 Geiger, 1 Drummer, 1 Pianist und ein Kontrabassspieler. Wir hüpfen herum. Zum CanCan ticken die Venezualerinnen richtig aus.
Nach dem Konzert laufen wir an der Küste entlang, die Seeluft ist wunderbar. Den halben Pier sind wir gelaufen, dann fängt es langsam wieder an zu regnen, also geht es zurück zur Bushaltestelle. Die ganze Busfahrt kaspern wir herum, Isabella fragt mich irgendwann. „Du bist Deutsche. Bist du dir da sicher?“ Sie hat sich Deutsche ernster vorgestellt. Jaja…

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