Montag, 29. August 2011

The Very English Caterpillar

"Christy, kannst du mir mein grünes Kleid geben?"
"Welches grüne Kleid?"
"Das grüne. Es ist ein Kleid und es ist grün."

Ihr Name ist Shannon und sie ist eine Diva. Wenn sie mitten in der Nacht aus den Pubs kommt, ist sie laut. Wenn sie schläft, schnarcht sie. Wenn sie redet, platzt einem das Trommelfell. Sie ist vielleicht vierzig, ihr Haar ist wasserstoffblond, manchmal lässt sie einen fahren und schreit: "Excuse me, Ladies." Ihre Begleiterin ist das ganze Gegenteil von ihr und geduldig macht sie alle Eskapaden ihrer Diva-Freundin mit. Sie sind das ganze Wochenende da.

Das grüne Kleid wird gefunden, Shannon wirft es sich über. "Wenn heute Abend auch nur irgendjemand mich eine fette Raupe nennt, gehen wir sofort wieder heim!" Das wird sicher niemand, das Kleid steht ihr gut, besser als der Leopardenanzug, den sie vorher anprobiert hat. In dem sah sie aus wie eine fette Miezekatze. Sie schmeißt sich fünf Liter Schminke ins Gesicht, der Lidstrich könnte auch mit Fettstift aufgetragen werden, so dick malt sie ihn sich auf die Augen. Libby und ich schauen uns an und lachen.

Libby ist Australierin, doch zur Zeit lebt sie in London und arbeitet dort als Kellnerin. Durch sie erhalte ich Einblick in die Englisch-Australischen Unterschiede. Zum Beispiel ist das Shampoo, dass in England als australisches Shampoo verkauft wird, nicht aus Australien. Und obwohl sie Vegetarierin ist, weiß sie von Freunden, dass Känguruh wohl sehr sehr gut schmeckt. Von " I am a Celebrity, get me out of here!" hat sie noch nie etwas gehört und dass das im australischen Dschungel stattfinden soll, glaubt sie auch nicht. "Was für ein Dschungel? Auf welcher Insel? Die eine Insel ist voller Schlangen, die andere ist von Haien umzingelt. Wo wollen die da ein Camp aufschlagen?"

Die Akzente fliegen nur so durch den Raum. Shannon kann ich kaum verstehen, sie kommt aus Kent. Christy spricht ganz klar, aber auch ganz so, wie man es von Briten erwartet. Und Libby ist nochmal ein ganz anderes Kaliber, die Satzmelodie ist viel abgehackter, sie verschluckt ganze Silben, wenn sie spricht. Dabei, so meint sie, spricht sie zur Zeit gemäßigt den australischen Dialekt. Sonst, in Australien, wäre der viel stärker ausgeprägt.

Mit im Raum ist eine Indonesierin mit dem für ihr Land sehr untypischen Namen Roswitha. Den hat ihr Vater von Studienzeiten aus der Schweiz mitgebracht. Sie trägt Kopftuch und geht im allgemeinen Getümmel fast völlig unter, dafür redet sie im Schlaf. "Stimmt es, das man im Ramadan tagsüber nicht einmal Wasser trinken darf?", frage ich sie. Sie nickt und lächelt dabei. Ich hingegen wundere mich gar nicht mehr, dass die im Hostel befindlichen Muslime zur Zeit so eine schlechte Laune haben...

Mein Elan reicht an diesem Wochenende nicht für große Sprünge, den Samstag verbringe ich in der Bibliothek, am Sonntag schaffe ich es gerade mal ins Archäologie Museum. Das finde ich richtig spannend. Vor einem 15 Meter langen Langboot aus einer Ära, deren Namen ich vergessen habe, stehe ich staunend. 15 Meter! Es ist das längste Boot, dass man in Irland aus dieser Zeit gefunden hat. Ein großer, halbierter und ausgehölter Baumstamm. Wenn ich mir vorstelle, dass da vor ewigen Zeiten Menschen drin saßen, mit Waren zum Handeln oder mit Fischernetzen, dann bin ich schon irgendwie ehrfürchtig.

Den Sonntag Abend verbringe ich mit Libby, die sich nicht vorstellen kann, dass Deutsche romantische Filme produzieren können. Weil Deutsch doch so seltsam klingt. Sie lädt mich zu Knoblauchbaguette ein, dann kommen die Engländerinnen zurück von ihrer Tagestour. Man unterhält sich über die Nationen, Libby kennt die Stars aus Australien nicht, Shannon wird wahnsinnig deswegen. Welche Showformate gibt es in den verschiedenen Ländern? Go for Gold? Who wants to be a millionaire? Jeopardy? Für was ist das eigene Land bekannt? Ich überlege kurz: "Volkswagen. BMW. Mercedes." Erst am nächsten Morgen fällt mir ein: "ALDI." Spätestens dafür muss uns Irland dankbar sein, denn nirgendwo bekommen die Iren so günstig Schinken.

Das Gespräch erlahmt, nach und nach schlafen alle ein, Shannon beginnt das Schnarchen.
RUMMS!
Libby ist von ihrem Hochbett gesprungen, sie kramt in ihrer Tasche, dann klettert sie zurück ins Nest.

Sie hat ihren Ipod hochgeholt, denn direkt unter ihr,
da sägt die dicke Raupe.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen