Dienstag, 2. August 2011

Ein Baby fährt Laster

„Eine Wolke will nichts von dir“ fällt mir ein, als ich mit Ryan Air durch den Wind segle. Thomas Brussig hat das geschrieben, in „Wie es leuchtet“.

Die Wolken wollen tatsächlich nichts von mir. Sie rumpeln sich stumm um das Flugzeug herum und sehen aus wie Sahne, wenn sie gerade in den Schwarztee gekleckert wurde.

Ryan Air hingegen will was von mir: Meine Aufmerksamkeit. Ich kann ein Auto und eine Million gewinnen (Bockwürste, oder was?), ich bekomme einen M&M Regenschirm, wenn ich zwei Packungen M&M kaufe („No matter the weather“) und fast schon will ich den Schirm, aber dann sehe ich, dass ich für zwei Packungen bunter Süßigkeiten 7 Euro im Flugzeug lassen müsste. Dann kann ich mir den Schirm auch schenken. Stattdessen kaufe ich einen Universaladapter und freue mich darüber, dass mein deutscher Sitznachbar mich auf Englisch anredet, obwohl ich ein deutsches Buch lese.
Ich bin auf dem Weg nach Irland und soll da zwei Monate bleiben. Unter anderen Umständen würde ich das ganz bestimmt wollen, aber gerade will ich heim und meine Ruhe haben.  Trotzdem weiß ich genug über das zitronenverteilende Leben und der damit verbundenen Ratschläge und versuche statt bockig einfach komplett emotionslos zu sein, was mir gut gelingt.

Ich habe keine Ahnung von Irland. Immer wenn ich versuche, etwas darüber zu lesen, sträubt sich mein Kopf. Also lasse ich es. Links und rechts werden Reiseführer durchwühlt, ich lese Brussig. Alles was ich wissen muss, steht in meinem blauen Hefter – Bus 16A in die Camden Street. Fertig.
Am Flughafen geht alles unglaublich fix, wir purzeln aus dem Flieger und ich fische meinen Rucksack vom Laufband. „Ist das alles, was du mitnimmst?“ haben die Eltern gefragt. Der Rucksack ist keine 15 Kilo schwer. Aber was soll ich denn auch mitnehmen? Waschmaschinen gibt es ja im Hostel.
Der Bus saust durch die Stadt, es schwaudelt ordentlich. Wenn man oben sitzt, hat man das Gefühl, dass die mutigen Radfahrer nicht überholt, sondern überfahren werden. An den Bäumen erkennt man die Doppeldeckbusroute: Die haben einen Dachschaden.

Den Linksverkehr registriere ich erst gar nicht, bis rechts von uns ein Laster fährt, der von einem Baby gesteuert wird. Da durchzuckt es mich kurz, ein Baby auf dem Fahrersitz? Aber nein, natürlich ist das der Beifahrersitz, auf dem der Säugling da in seinem Kindersitz pappt. Das Steuer ist rechts. Die Iren!
Ein deutsches Au Pair sitzt mit im Bus, sie weiß ungefähr, wo Camden ist. Eine zusteigende Irin weiß es dann noch genauer. Ich erkenne, dass Busse hier per Handzeichen angehalten werden und es macht mich wahnsinnig, dass die Stationen nicht angesagt werden. Das deutsche Auge hat hier keine Orientierung, die ordentlichen Straßenschilder und Anschriebe an Haltestellen sind auf der Insel wohl unbekannt. Jedoch die Iren kommen klar, die kennen ihre Stadt. Ich bekomme rechtzeitig einen Wink und verlasse den Bus an der Upper Camden Street. Zum Hostel kann man hinspucken und das kann man ins Hostel auch. Die Camden Hall ist voller netter Leute, aber auch voller Dreck. Ich checke in ein Achtbettzimmer ein und wünschte mir, ich könnte hier einen Film drehen, einen ganz düsteren, verstörenden, ein Endzeitdrama mit verworrener Hinterhofromantik. Man kann nicht sagen, dass die Wände schimmeln, man muss es wändelnden Schimmel nennen. Im Gruppenraum sind die Kühlschränke überfüllt, aber das Geschirr und die Tische sind sauber, ein Fernseher läuft ununterbrochen. Auf dem Hinterhof ist der Raucherpavillon.

Verrückt, denke ich. Verrückt, acht Wochen hier zu bleiben, hier arbeiten zu gehen, acht Wochen lang. Die Stadt ist laut. Ich laufe eine Weile orientierunglos herum, an der nächsten Ecke jubelt eine feiernde Meute dem DJ zu. In einem Diner gibt es Garlic Fries, es riecht gut, aber ich traue mich nicht hinein. Ganz dummerweise bin ich beim Erstkontakt verhalten, ich komme mir zu deutsch vor, um in ein irisches Lokal zu gehen. Erst nach einer Weile kann ich mich überwinden, die Garlic Fries sind heiß und lecker.  Ich schaue mir die Straßen an, die Läden sind klein und klassisch, wie man es irgendwoher kennt, aus Büchern vielleicht. Im Hostel sind viele deutsche Gäste, sie unterhalten sich und ich belausche sie. Sie erzählen schöne Sachen, mal auf Englisch, mal auf Deutsch. Ich gebe mich aber nicht zu erkennen, ich will nur zuhören, nichts gefragt werden.
Ich werde müde, krabble in mein Doppelstockbett, das wackelt wie ein Schiff zur See. Mir ist alles sehr egal. Zweimal heulen Sirenen auf. Ich schlafe ein. 

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