Dienstag, 2. August 2011

They are not so bad after all

Ich erwache um sieben, mental ist es acht. Deshalb wundere ich mich auch, das in der Küche noch kein Frühstück bereit ist, aber dann fällt es mir ein: Frühstück von acht bis zehn. Trotzdem kocht mir ein schlürfender Mann einen Tee. Ich habe keine Ahnung, ob er hier arbeitet, hier Gast ist oder einfach beschlossen hat, für immer hier zu leben. Nach letzterem schaut er aus. Leicht verkracht, leicht verlottert und so, als wäre er immer schon ein wenig zu alt für alles gewesen. Ich bin ein schweigsamer Gast und das lässt ihm keine Ruhe. Bald spricht er mich an, kapitulierend, er könne einfach nicht erraten, woher ich komme, dabei könne er das doch sonst sehr gut.

„German“, wiederholt er und erzählt mir, dass er die deutschen Mädchen respektiert. Das möchte ja auch bitte sein, denke ich mir, lächle aber nur.

Seemöwen.

Das wäre mir im Traum nicht eingefallen. Erst jetzt wird mir klar, dass das Wasser nicht weit ist – wie blöd von mir. Die Möwen kraxen durch die Luft, Nordsee - Assoziationen tröpfeln Urlaubsgefühle in meinen Kopf.
Es ist Bank Holiday in Irland, hier hat man neun Tage im Jahr frei und wenn Feiertage aufs Wochenende fallen, werden sie nachgeholt. Ganz schön praktisch. Die Läden machen trotzdem auf und zwar so, wie sie lustig sind. Das Nutgrove Shopping Centre, in das ich fahre, entfaltet sich ganz langsam – wie ein Adventskalender macht es erst nach und nach die Türen auf und die führen auch zu weihnachtlichen Dingen. Hatte ich noch eben erschrocken die Lebensmittelpreise entdeckt, so wurde ich jetzt mit den Kleidungspreisen entlohnt. Shirts für drei Euro, Jacken für zehn und über neue  Hosen werde ich mich auch bald freuen – jedoch jetzt noch nicht. Ich kaufe nichts von alledem ein, denn ich weiß nicht, wohin damit. Das Hostel hat keine Schränke. Ich verschiebe die Neuanschaffungen also auf die Tage vor der Abreise und kaufe mir Lebensmittel. Wo? Im ALDI. Der steht ganz riesengroß auf der anderen Straßenseite und hat humane Preise.  Mit einer vollen Tüte gehe ich hinaus und muss darüber lachen, dass mich andere Länder oft dazu bringen, meine Heimat zu verehren.

Zurück im Hostel wechsel ich das Bett – ich ziehe in ein Untergeschoss, die wacklige obere Kajüte war mir zu windig. Dann liege ich eine Weile nur da und entleere meinen Verstand. Traumstarrend liege ich da und denke an nichts.

Unten in der Kaffeeküche versagt das Internet. Während ich den Computer bearbeite, belausche die Deutschen.  Einer der Männer ist mit einer Brasilianierin verheiratet und hat Reisegruppen durch Deutschland geführt: „Und da kamen dann all diese Orte, Bad Reichenhall, Bad Sowieso…und die fragen mich plötzlich: Why are they calling their cities bad? They are not so bad after all!“ Ich versuche nicht zu grinsen, um mich nicht zu verraten.

Ich schlendere durch den Stevens Green Park genau zur Wendezeit – Familien brechen gerade auf, die Jugend macht es sich langsam gemütlich, Platzwechsel zur Dämmerungszeit. Weibliche Intuition lässt mich aus dem Park heraus genau in die Einkaufmeile purzeln. Die meisten Läden schließen schon, aber die Schaufenster sind sehenswert und Postkarten gibt es auch noch zu kaufen. Musiker beginnen überall zu spielen, eine Französin trällert Volklieder, eine Jungband rockt auf Gitarren und ein älterer Herr jazzt auf der Oboe. Im Park zurück knabbere ich Käse und sehe eine Horde Jugendlicher dabei zu, wie sie in ein eingezäuntes Areal eindringen. Weil sie so laut sind, ist der nächste Parkwächter nicht weit und beordert sie, da wieder raus zu kommen.

Im Hotel trinke ich Tschechen - Bier, Guiness ist nicht mein Fall und Cider ist zu teuer. Meine Zimmernachbarin spricht mich an. Sie ist aus Venezuela und ihr Name ist das Phantasieprodukt ihrer Mutter. Weder in Venezuela noch irgendwo auf der Welt versteht jemand, wie sie heißt. Die politische Lage in Venezuela ist schlimm, sagt sie. Korruption, alles wird immer schlechter, man kann dabei zusehen, wie sich die Lage verschlimmert. Das hat sie krank gemacht, psychosomatisch. Die Ärzte haben keinen biologischen Grund gefunden. „It’s all in your head.“ Deshalb reist sie jetzt viel. Sie möchte gern weniger sensibel werden, sich nicht mehr in Dinge reinsteigern, damit es sie nicht mehr krank macht. Sie will die Hoffnung aufgeben, Menschen verändern zu können.

Sie warnt mich vor den Zuständen am Wochenende, Amerikanerinnen würden dann das Hostel bevölkern und das Bad fluten.  Sie will ihre Freunde in Dublin fragen, ob sie eine Gastfamilie für mich im September organisieren können. Das ist nett, denke ich mir. Überhaupt sind es alle, nett und zuvorkommend. Not so bad after all. 

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