Abby weint, Patricia nörgelt. Wer hat Recht? Nach einem eskalierten Kinderstreit sortieren Jessica und ich die Fakten. Dabei stoßen wir auf grundsätzliche Fragen:
1. Ist es gerecht, von einem etwas älteren Kind gegenüber den Kleineren ein erwachsenes Verhalten zu fordern?
2. Wann spielt ein Kind, wann weint es wirklich?
3. Sollte man ein weinendes Kind immer sofort in den Arm nehmen und trösten? Was ist mit dem Kind, das nicht weint, aber mindestens genauso emotional betroffen ist?
Wir debattieren rege auf Deutsch, Abby wurde bereits aus dem Raum geholt, Patricia schaut uns fragend an, die anderen Kinder schauen fern. Zum Konflikt kam es, weil wir, anders als Sarah, von den Kindern nicht verlangen, starr auf das Fernsehbild zu schauen und keinen Laut zu geben, die Mädchen haben herumgealbert und aus Spaß wurde Ernst. Wir beschließen aber, den Vorfall positiv zu bewerten - sowohl wir als auch die Mädchen haben etwas dazugelernt. Mit den sonst üblichen Vermeidungsstrategien wäre zwar nichts passiert, aber auch kein Bewusstsein geschaffen worden. Blöd gelaufen ist nur, dass es einen Eingriff von außen gab. Abby wurde von den Betreuern im Nebenraum herausgeholt, zum Trost durfte sie Fritten essen. Patricia geht also als Verlierer aus dem Streit hervor, weil sie eben schon etwas älter ist und nicht geweint hat. Weinen als weibliches Druckmittel in seiner frühen Entwicklungsphase?
Der Vorfall ist schnell vergessen, obwohl ich streng zu Abby war, fällt sie mir später wieder um den Hals. Patricia haben wir noch mal ganz ruhig erklärt, wie wir die Situation wahrgenommen haben und das unser Standpunkt ihr gegenüber nicht fair war. Das hat sie erleichtert und verständnisvoll abgenickt. Kommunikation auf Augenhöhe mit Kindern zu führen ist nicht ganz einfach, aber lohnend.
Mit Sarah gibt es dann plötzlich einen magischen Moment. Patricia wählt ein 200 Teile Puzzle und zusammen mit Sarah helfen wir ihr dabei, es zusammen zu setzen. Plötzlich kommt so etwas wie Kommunikation zustande, Sarah lacht über Jessicas Kapitulation vor dem Puzzle, sie redet mit uns, wenig, aber immerhin. Plötzlich fühlen wir uns, und das muss man sich mal geben, EXISTENT. Positiv verstärkend wirkt wohl, dass Jessica und ich ein neues Abkommen haben: In der Creche nur Englisch. Extremsituationen ausgenommen. Außerdem trage ich blau. Blau, um meine Zugehörigkeit zum Fanlager der Dubliners zu signalisieren, die am Sonntag im Semi-Finale gegen Donegal antreten. "Up the Dubs!" , ist der Schlachtruf, der bereits an den Fensterscheiben der Creche geschrieben steht.
Am Nachmittag ist Aidans Abschiedsfeier, er geht jetzt auf eine Schule für große Jungs und hat einen Piraten-Kuchen mitgebracht, zu dem uns Sarah herzlich einlädt: "Nehmt euch was, der ist so reichhaltig, die Kinder werden dass eh nicht alles schaffen." Der Kuchen ist lecker, aber wir nehmen wirklich nur eine winzige Kostprobe. Man will ja nicht gierig wirken.
Auf dem Heimweg sind wir später verwirrt: Wo kommt Sarahs positive Seite her? Hat die urlaubsbedingte Abwesenheit Aishlings etwas damit zu tun? Wie wird es, wenn Aishling nächste Woche wieder da ist? Fast schon wünschen wir uns, dass sie nicht wiederkommt, denn die Situation mit Sarah ist spannend. Vermutlich gehen wir aber zur Ausgangssituation zurück, sobald Aishling wieder da ist. Vom Standpunkt der Forschung aus gesehen ist das irgendwie schade.
Im Hostel haue ich mich gleich auf's Ohr, die Woche hat mich ganz schön fertig gemacht. Den Versuch, ins Internet zu kommen, unternehme ich schon gar nicht mehr. Am Abend treffe ich Rubina, die Italienerin. Es ist ihr letzter Abend in Dublin und sie ist etwas geknickt, denn die Menschen, mit denen sie sich angefreundet hatte, sind nicht da. Jetzt wartet sie in der Küche darauf, dass sich noch jemand von ihnen zeigt. Von Mitleid getränkt schleife ich sie in den Tesco, wir holen uns Cider und setzen uns in den Hinterhof des Hostels zum quatschen. Durch das Fenster sehen wir Quasimodo in der Küche umherlaufen, da schaut sie mich an und meint grinsend: "Ich habe einen Feind im Hostel!" Sie zeigt auf den Glöckner. "Aha.", grinse ich, "Her mit der Story." Ich erwarte das Übliche, die seltsamen Flirtversuche des Quasimodo, doch ihre Geschichte ist ganz anders: "Ich bin eines Morgens in die Küche gekommen, da saß er mit ein paar Leuten, die ich kenne, ich sage also Guten Morgen, einfach so, in die Runde, von ihm kommt gar keine Antwort und ich setze mich hin. Da sagt er plötzlich: 'Warum redest du mit mir? Ich kann dich nicht leiden. Ich möchte nicht, dass du mit mir sprichst!' und ich dachte mir nur, was ist denn jetzt los? Na, auf jeden Fall ignoriert der mich die ganze Zeit...es ist jetzt nicht so, dass ich deswegen nicht schlafen kann, eigentlich lache ich drüber, ich finde es nur merkwürdig." Ich finde es auch merkwürdig, so kenne ich die alte Flörtomate gar nicht. Noch am Vortag hat er sogar meinen Teller und meine Suppenschüssel abgewaschen und abgeräumt - beides hatte ich vergessen, weil mich die Rezeption wegen eines Telefonats aus der Küche heraus rief. Und zu Rubina nun diese Unfreundlichkeiten? Seltsam, seltsam.
Rubinas vermisste Freunde tröpfeln nach und nach ins Hostel, deshalb verabschiede ich mich von ihr: "Der christliche Teil ist jetzt vorbei, Rubina. Ich kann dich nämlich auch nicht leiden." Rubina lacht, wir umarmen uns zum Abschied.
Ich gehe aufs Zimmer, ich bin allein. Die nervigen Spanierinnen sind auf und davon. Selten, so viel Privatsphäre. Ich höre Musik und mache Pläne, Pläne für den 9., 10., 11. September, denn da....
...bekomme ich BESUCH!
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AntwortenLöschenkaum ist die 1. Hälfte deines Aufenthaltes rum, schon klappt es bei mir mit einem Kommentar... ;-)- dank eines uns beiden sehr guten bekannten jungen Mannes...
AntwortenLöschenWir lesen hier natürlich vom 1. Tag an mit und sind bestens darüber informiert wie es dir so ergeht. Da ist ja die ganze Bandbreite vorhanden, von schön bis mistig...
Viele Grüße aus der Heimat und nur nicht ärgern lassen !